cl Luigi Giussani

Gemeinschaft und Befreiung

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Von der Schönheit Christ zu sein und der Freude dies mitzuteilen

Am 3. Juni, der Vigil zum Pfingstfest, wird Papst Benedikt XVI. auf dem Petersplatz die kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften empfangen. Zuvor treffen sich die Verantwortlichen der Bewegungen aus allen Welt zu einer Tagung.

Webseite zur Begegnung: www.laici.org

- Meditation von Julian Carron beim Treffen am 3. Juni am Petersplatz

- Predit von Papst Benedikt XVI. beim Treffen am 3. Juni am Petersplatz

 

Folgende Texte stammen aus Spuren, Mai 2006

"Ebenso wesentlich, weil die Kirche selbst eine Bewegung ist"
Johannes Paulus II. am 27. Mai 1998

Die Freundschaft Christi
Ansprache von Papst Johannes Paul II. bei der Begegnung mit kirchlichen Bewegungen am Petersplatz, 30. Mai 1998

Kirchliche Bewegungen und ihr theologischer Ort
Josef Ratzinger am 27. Mai 1998

Die Überraschung einer Begegnung
Josef Ratzinger am 19. Mai 1999

"In der Einfachheit meines Herzens habe ich Dir voller Freude alles gegeben"
das Zeugnis von Don Luigi Giussani auf dem Petersplatz am 30. Mai 1998.

 


Johannes Paulus II.

"Ebenso wesentlich, weil die Kirche selbst eine Bewegung ist"

Aus der Botschaft von Johannes Paul II. an den Weltkongress der kirchlichen Bewegungen
Rom, 27. Mai 1998

Was versteht man heutzutage unter "Bewegung"? Der Begriff wird oft auf Wirklichkeiten bezogen, die - zuweilen sogar durch die kirchenrechtliche Stellung - verschieden voneinander sind. Wenn diese einerseits gewiss nicht den durch die belebende Schöpferkraft des Geistes Christi hervorgerufenen Reichtum der Formen erschöpfen noch festsetzen kann, so kommt es andererseits doch ihr zu, einer konkreten kirchlichen Realität, bei der vorwiegend Laien beteiligt sind, einen Weg des Glaubens und des christlichen Zeugnisses anzugeben, der die eigene Bildungs- und Erziehungsmethode auf ein bestimmtes Charisma gründet, das der Person des Gründers unter gewissen Umständen und Weisen geschenkt wurde.
Die besondere Eigenart des Charismas, das eine Bewegung ins Leben ruft, erhebt nicht den Anspruch - und könnte es auch nicht -, zu dem Reichtum des depositum fidei, das die Kirche mit leidenschaftlicher Treue bewahrt, etwas hinzuzufügen. Sie bildet aber eine kräftige Unterstützung, einen beeindruckenden und überzeugenden Anruf, das Christsein voll und ganz, mit Intelligenz und Kreativität zu leben. Darin besteht die Voraussetzung, um auf die Herausforderungen und dringenden Notwendigkeiten der in der Geschichte stets unterschiedlichen Zeiten und Umstände angemessene Antworten zu finden.
In diesem Licht bilden die von der Kirche anerkannten Charismen Wege zu vertiefter Kenntnis Christi und hochherzigerer Hingabe an ihn bei gleichzeitig immer stärkerer Verwurzelung in der Gemeinschaft mit dem ganzen christlichen Volk. Darum verdienen sie Aufmerksamkeit von Seiten jedes Gliedes der kirchlichen Gemeinschaft, angefangen bei den Hirten, denen die Sorge für die Teilkirchen, in Gemeinschaft mit dem Stellvertreter Christi, anvertraut ist. So können die Bewegungen zu der lebendigen Dynamik der einen, auf Petrus gegründeten Kirche unter den verschiedenen örtlichen Umständen einen wertvollen Beitrag leisten, vor allem in jenen Regionen, in denen die implantatio Ecclesiae noch am Anfang steht oder nicht wenigen Schwierigkeiten unterworfen ist.
Mehrmals hatte ich Gelegenheit zu betonen, dass es in der Kirche keinen Gegensatz und kein Gegeneinanderstellen der institutionellen und der charismatischen Dimension gibt. Die Bewegungen sind dafür ein vielsagendes Beispiel. Beide, die institutionelle und die charismatische Dimension, sind wesentlich für die von Jesus gestiftete göttliche Konstitution der Kirche. Zusammen sollen sie weitergehen, um das Geheimnis Christi und sein Heilswerk in der Welt gegenwärtig zu machen. Miteinander sind sie ebenso bestrebt, nach ihrer je eigenen Weise, das Selbstbewusstsein der Kirche zu erneuern. In gewissem Sinn kann auch sie, die Kirche, sich "Bewegung" nennen, insofern sie in Zeit und Raum das Geschehen der Sendung des Sohnes durch den Vater in der Kraft des Heiligen Geistes ist.


Johannes Paulus II.

Die Freundschaft Christi

Aus der Ansprache von Papst Johannes Paul II. bei der Begegnung mit kirchlichen Bewegungen
Petersplatz, 30. Mai 1998

Die Charismen sind ihrem Wesen nach kommunikativ und führen zur Entstehung jener spirituellen Affinität zwischen den Menschen (vgl. Christifideles laici, 24) und zu jener Freundschaft Christi, die der Ursprung der "Bewegungen" sind.
In unserer Welt, oft von einer säkularisierten Kultur beherrscht, die Lebensmodelle ohne Gott verbreitet und für sie wirbt, wird der Glauben vieler Menschen auf eine harte Probe gestellt und oft sogar erstickt und ausgelöscht. Man empfindet also das dringende Bedürfnis nach einer starken Verkündigung und nach einer soliden und vertieften christlichen Bildung. Und hier sind sie, die Bewegungen und die neuen kirchlichen Gemeinschaften: Sie sind die vom Heiligen Geist bewirkte Antwort auf diese dramatische Herausforderung gegen Ende des Jahrtausends. Ihr seid diese Antwort der Vorsehung.
Die echten Charismen können nur auf eine Begegnung mit Christus in den Sakramenten abzielen. Die kirchlichen Aktionsgruppen, denen ihr angehört, haben euch geholfen, eure Berufung als Getaufte neu zu entdecken, die Gaben des Geistes, die ihr bei der Firmung erhalten habt, zu schätzen, euch im Sakrament der Versöhnung der Barmherzigkeit Gottes anzuvertrauen und in der Eucharistie die Quelle und den Höhepunkt des gesamten christlichen Lebens zu erkennen. Dank dieser starken kirchlichen Erfahrung sind außerdem wunderbare christliche Familien entstanden, wahre "Hauskirchen", die dem Leben gegenüber aufgeschlossen sind; es sind viele Berufungen zum Priestertum und zum geweihten Leben geweckt worden, und es sind neue Lebensformen für Laien entstanden, die sich nach den evangelischen Räten richten. In den Bewegungen und neuen Gemeinschaften habt ihr gelernt, dass der Glauben nicht ein abstrakter Begriff oder ein unbestimmtes religiöses Gefühl ist, sondern ein neues Leben in Christus, das der Heilige Geist in uns gewirkt hat.
Jesus hat gesagt: "Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!" (Lk 12, 49).
Heute erhebt sich aus diesem Abendmahlssaal auf dem Petersplatz ein großes Gebet: Komm, Heiliger Geist! Komm und erneuere das Angesicht der Erde! Komm mit deinen sieben Gaben! Komm, Geist des Lebens, Geist der Wahrheit, Geist der Gemeinschaft und der Liebe! Die Kirche und die Welt brauchen dich. Komm, Heiliger Geist, und lass die von dir gespendeten Charismen immer reichere Frucht bringen. Schenke deinen hier versammelten Söhnen und Töchtern neue Kraft und missionarischen Elan. Weite ihr Herz und belebe ihr christliches Engagement in der Welt. Mache sie zu mutigen Boten des Evangeliums und Zeugen des auferstandenen Christus, des Erlösers und Heilands der Menschen. Stärke ihre Liebe und Treue zur Kirche.
Heute spricht Christus von diesem Platz aus zu jedem von euch: "Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!" (Mk 16, 15). Er zählt auf jeden von euch, die Kirche rechnet mit euch allen. "Seid gewiss - versichert uns der Herr - ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28, 20). Ich bin bei euch.


Joseph Ratzinger

Kirchliche Bewegungen und ihr theologischer Ort

Vom damaligen Präfekten der Glaubenskongregation bei der Eröffnungskonferenz des Weltkongresses der kirchlichen Bewegungen
Rom, 27. Mai 1998 (eigene nicht autorisierte Übersetzung)

In seiner großen Missionsenzyklika Redemptoris Missio schreibt der Heilige Vater: "Innerhalb der Kirche bieten sich verschiedene Arten des Dienstes, der Funktionen, der Ämter und Formen der Hinführung zum christlichen Leben an. Ich denke dabei an eine Neuheit in der jüngsten Zeit in nicht wenigen Kirchen: an die große Entfaltung von "kirchlichen Bewegungen", die von einer starken missionarischen Kraft geprägt sind. Wenn sie sich in Demut in das Leben der Ortskirchen einfügen und von Bischöfen und Priestern herzlich in die Diözesan- und Pfarrstrukturen aufgenommen werden, bilden diese Bewegungen ein wahres Gottesgeschenk für die Neuevangelisierung und die Missionsarbeit im eigentlichen Sinn des Wortes. Ich empfehle daher, sie zu propagieren und einzubeziehen, um vor allem unter den Jugendlichen dem christlichen Leben und der Evangelisierung aus einer pluralistischen Sicht der Vereins- und Ausdrucksformen wieder neue Kraft zu verleihen." (Nr. 72)
Als ich am Beginn der 70er Jahre zum ersten Mal in engeren Kontakt mit kirchlichen Bewegungen wie dem Neokatechumenalen Weg, Gemeinschaft und Befreiung oder der Fokular-Bewegung kam, war das für mich persönlich ein wundervolles Ereignis. Ich bemerkte den Elan und den Enthusiasmus, mit dem sie den Glauben lebten und es war deutlich, dass sie sich aus Freude über diesen Glauben, den sie als Geschenk empfangen hatten, gedrängt fühlten, auch andere daran teilhaben zu lassen. In jener Zeit sprachen Karl Rahner und andere vom "Winter" innerhalb der Kirche. Tatsächlich schien es nach der großen Blüte des Konzils, dass auf den Frühling der Frost gefolgt sei, die Ermüdung an die Stelle der neue Dynamik getreten sei. Damals schien die Dynamik ganz woanders stattzufinden; dort, wo man sich - mit eigenen Kräften und ohne Gott zu bemühen - darum bemühte, die Beste aller künftigen Welten zu schaffen. Dass eine Welt ohne Gott nicht gut sein kann, noch weniger die Beste, war für jeden, der nicht blind war, offensichtlich. Aber wo war Gott? War die Kirche, nach vielen Diskussionen und Bemühungen auf der Suche nach neuen Strukturen, nicht tatsächlich erschöpft und verflacht?
Die Rahnersche Äußerung war völlig verständlich; sie beschrieb eine Erfahrung, die wir alle machten. Aber plötzlich passierte etwas, das niemand geplant hatte: Der Heilige Geist, um es so zu formulieren, hatte erneut das Wort ergriffen. In jungen Männern und Frauen blühte der Glaube erneut auf, ohne "Wenn" und "Aber", ohne Ausflüchte, sondern in seiner Gesamtheit als ein wertvolles Geschenk gelebt, welches lebendig macht. Natürlich fehlten jene nicht, die sich in ihren intellektualistischen Debatten und mit ihren völlig anderen, am Reißbrett nach eigenen Vorstellungen entworfenen Modellen von Kirche, belästigt fühlten. Wie hätte es auch anders sein können? Wo der Heilige Geist einbricht, bringt er stets die Pläne der Menschen durcheinander.
Fragen wir uns also: Wie erscheint der Beginn der Kirche? Es gibt keinen Zweifel daran, dass die unmittelbaren Träger der Mission Christi seit Pfingsten die Zwölf waren, die sehr bald auch "Apostel" genannt werden. Ihnen ist die Aufgabe anvertraut, die Botschaft Christi "bis an die Grenzen der Erde" (Apg 1, 8) zu bringen, zu allen Völkern zu gehen und alle Menschen zu Jüngern Jesu zu machen (vgl. Mt 28, 19). Der ihnen anvertraute Bereich ist die ganze Welt. Ohne lokale Beschränkungen dienen sie der Schaffung des einen Leibes Christi, des einen Volkes Gottes, der einen Kirche Christi.


Joseph Ratzinger

Die Überraschung einer Begegnung

Einige Fragen und Antworten bei der Versammlung der Bischöfe mit dem Präsidenten der Glaubenskongregation anlässlich des vom Päpstlichen Rat für die Laien organisierten Seminars über "Kirchliche Bewegungen und neue Gemeinschaften in den pastoralen Schreiben der Bischöfe"
Rom, 16. Mai 1999 (eigene nicht autorisierte Übersetzung)

Vor 40 Jahren gab es eine katholische Kultur, die den Glauben stützte, die aber nun zerstört ist. Was kann man tun?

Nach 1968 gab es eine Explosion des Säkularismus, der einen seit 200 Jahren in Gang befindlichen Prozess radikalisiert hat: Das christliche Fundament ist kleiner geworden. Bis vor 40 Jahren war beispielsweise eine Gesetzgebung, die homosexuelle Verbindungen nahezu wie eine Ehe behandelt, undenkbar. Nun müssen wir unsere Gründe neu formulieren, um erneut das Bewusstsein des Menschen von heute zu erreichen. Wir müssen auch einen Konflikt der Werte akzeptieren, weshalb wir, wie der Papst in vielen seiner Enzykliken schreibt, den Menschen - und nicht nur die Kirche - verteidigen müssen. Angesichts der Säkularisation und um dem Menschen von heute Zeitgenosse zu sein, darf man aber nicht die Gleichzeitigkeit mit der Kirche zu allen Zeiten verlieren. Daher bedarf es einer sehr klaren Glaubensidentität, die von einer freudigen Erfahrung der Wahrheit Gottes inspiriert wird. Und so kommen wir auf die Bewegungen zurück, die diese freudige Erfahrung anbieten. Die Bewegungen haben folgende Besonderheit: In unserer Massengesellschaft helfen sie dabei, in einer Kirche, die wie eine große internationale Organisation erscheinen kann, eine Heimat zu finden, wo man die Vertrautheit der Familie Gottes findet und gleichzeitig innerhalb der großen universalen Familie der Heiligen aller Zeiten bleibt. In unserer Zeit bemerkt man eine gewisse Vorherrschaft des protestantischen Geistes in kultureller Hinsicht, denn der Protest gegen die Vergangenheit scheint modern und eine bessere Antwort auf die Gegenwart zu sein. Daher muss von uns gezeigt werden, dass der Katholizismus das Erbe der Vergangenheit für die Zukunft trägt, auch wenn er dadurch momentan zur Gegenströmung wird.

Am 30. Mai 1998 endete die erste Phase der Geschichte der Bewegungen, in der die kirchliche Institution versuchte, ihnen Raum zu geben.
Jetzt sind wir in der zweiten Phase: der Anerkennung der substantiellen Einheit der charismatischen Wirklichkeiten und der Institution. Wenn der Papst sagt: "Die Kirche selbst ist Bewegung", was bedeutet das für uns Bischöfe?


Der Bischof wird weniger Monarch und mehr Hirte einer Herde. Er steht der Herde von Angesicht zu Angesicht gegenüber und ist Pilger mit den Pilgern, wie der heilige Augustinus sagte: Wir sind alle Schüler in der Schule Christi. Auch wenn er Repräsentant des Sakramentes ist, wird der Bischof mehr zum Bruder in einer Schule, in der es nur einen Vater und nur einen Meister gibt. Er garantiert, dass die Kirche kein Markt ist, sondern eine Familie. Er bezeichnet die Teilkirche und die Universalkirche. Er ist nicht Quelle des Rechts und des Gesetzes, sondern agiert als Lenker und als Zeuge der Einheit im Kontext der Vertrautheit der Kirche mit einem einzigen Meister. Daher muss man die Gefahr einer Überinstitutionalisierung vermeiden: Viele "Räte" können, auch wenn sie nützlich sind, nicht wie eine Regierungsgruppe sein, die das Leben der Gläubigen verkompliziert und die Hirten den direkten Kontakt zu ihnen verlieren lässt. Einmal hat mir jemand erzählt: "Ich möchte mit meinem Pfarrer sprechen, aber man sagt mir, dass er stets auf Versammlungen sei!" Man muss eine Zusammenarbeit mit allen Bestandteilen des Volkes Gottes suchen, damit die Einheit bereichert wird.

Wird die Kirche immer mehr zur Minderheit? Und worin liegt die Bedeutung der Bewegungen?

Die Entwicklung der letzten 50 Jahre zeigt, dass die Religiosität nicht verschwindet, denn es ist ein unauslöschliches Bedürfnis des menschlichen Herzens. Dieses darf jedoch nicht fehlgeleitet werden, sonst entstünde eine religiöse Pathologie. Daher haben wir die Verantwortung, die wahre Antwort anzubieten, und dies ist eine historische Verantwortung der Kirche in dieser Zeit, wo die Religion eine Krankheit werden kann, die nicht das Antlitz Gottes anbietet, sondern Ersatzelemente, die nicht heilen. Auch wenn wir in der Minderheit sind, ist das Wichtigste für uns die Verkündigung. Im Abendland geht die Anzahl der Gläubigen laut Statistik zurück. Wir erleben einen Glaubensabfall; die Einheit zwischen der europäisch-amerikanischen Kultur und der christlichen Kultur löst sich fast auf. Die Herausforderung heute ist, dass der Glaube sich nicht in geschlossene Gruppen zurückzieht, sondern dass er alle erleuchtet und zu allen spricht. Denken wir an die Kirche der ersten Jahrhunderte: Die Christen waren wenige, aber sie haben Zuhörer gefunden, denn sie waren keine geschlossene Gruppe, sondern brachten eine allgemeine Herausforderung für alle, die alle berührt hat. Auch heute haben wir eine universale Mission: Die wahre Antwort auf die Bedürfnisse eines Lebens, das dem Schöpfer entspricht, gegenwärtig werden zu lassen. Das Evangelium ist für alle und die Bewegungen können eine große Hilfe sein, denn sie haben den missionarischen Elan des Anfangs, auch wenn ihre Anzahl gering ist, und sie können das Leben des Evangeliums in der Welt unterstützen.


Luigi Giussani

"In der Einfachheit meines Herzens habe ich Dir voller Freude alles gegeben"

Zeugnis von Don Giussani während des Treffens mit dem Papst auf dem Petersplatz, 30. Mai 1998

Ich versuche zu erzählen, wie in mir eine Haltung entstanden ist - die Gott gesegnet hat, so wie es ihm gefallen hat - die ich nicht hatte vorhersehen oder gar beabsichtigen können.

1. "Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?" (Ps 8, 5). Keine andere Frage hat mich in meinem Leben so ergriffen wie diese. Auf dieser Welt gab es nur einen Menschen, der mir eine Antwort geben konnte, indem er mir eine neue Frage stellte: "Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt? Um welchen Preis könnte ein Mensch sein Leben zurückkaufen?" (vgl. Mt 16, 26; Mk 8, 36 f.; Lk 9, 25). Bei keiner Frage, die an mich gerichtet wurde, hätte mir der Atem so gestockt wie bei dieser Frage Christi.
Keine Frau hat jemals eine andere Stimme über ihren Sohn mit einer solch ursprünglichen Zärtlichkeit und einer unbestreitbaren Wertschätzung der Frucht ihres Leibes sprechen hören, mit einer so gänzlich positiven Bejahung von ihrer Bestimmung; es ist einzig und allein die Stimme des Juden Jesus von Nazareth. Aber mehr noch, kein Mensch kann sich derart bejaht fühlen mit der Würde eines absoluten Wertes, unabhängig von all seinem Gelingen. Niemand auf der Welt hat jemals so sprechen können!
Nur Christus nimmt sich mein ganzes Menschsein zu Herzen. Es ist das Staunen des Dionysius Areopagita (5. Jahrhundert): "Wer könnte uns je von der friedenstiftenden Liebe Christi zum Menschen sprechen?" Ich wiederhole mir diese Worte seit mehr als fünfzig Jahren immer wieder! Aus diesem Grund ist die Enzyklika Redemptor Hominis in unseren Horizont eingetreten wie ein Aufleuchten in großer Finsternis, welche die dunkle Erde des heutigen Menschen, mit all seinen wirren Fragen, umhüllte. Danke, Heiliger Vater. Es ist eine Einfachheit des Herzens gewesen, die mich dazu führte, dass ich Christus als außergewöhnlich wahrnahm und anerkannte. Ich tat es mit jener sicheren Unmittelbarkeit, wie es nur geschieht angesichts der unangreifbaren und unzerstörbaren Evidenz von Faktoren und Augenblicken der Wirklichkeit, die, einmal eingetreten in den Horizont unserer Person, uns bis ins Herz ergreifen.
Anzuerkennen, was Christus in unserem Leben ist, durchdringt also die Gesamtheit unseres Bewusstseins vom Leben: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben" (Joh 14, 6). "Domine Deus, in simplicitate cordis mei laetus obtuli universa" ("Herr mein Gott, in der Einfachheit meines Herzens habe ich Dir voller Freude alles gegeben"), so lautet ein Gebet der ambrosianischen Liturgie. Dass die Anerkennung wahr ist, sieht man dann an der Tatsache, dass das Leben eine letzte, beständige Fähigkeit zur Laetitia hat.

2. Wie kann diese Laetitia, die die menschliche Ehre Christi ist und die mein Herz und meine Stimme in bestimmten Augenblicken erfüllt, als wahr, als vernünftig für den heutigen Menschen sichtbar werden? Weil dieser Mensch, der Jude Jesus von Nazareth, für uns gestorben und auferstanden ist. Jener auferstandene Mensch ist die Wirklichkeit, von der die ganze Positivität der Existenz eines jeden Menschen abhängt.
Jede irdische Erfahrung, die im Geiste Jesu, des vom Tode Auferstandenen, gelebt wird, blüht im Ewigen auf. Dieses Aufblühen wird nicht erst am Ende der Zeiten anfangen; es hat schon in der Morgendämmerung des Ostertages begonnen. Ostern ist der Beginn dieses Weges zur ewigen Wahrheit von allem - eines Weges also, der sich schon in der Geschichte des Menschen zeigt.
Christus, als Fleisch gewordenes Wort Gottes, wird in der Tat - als Auferstandener - gegenwärtig, zu jeder Zeit, durch die gesamte Geschichte hindurch, bis Er vom Ostermorgen zum Ende dieser Zeiten, dieser Welt gelangen wird.
Der Geist Jesu, das heißt des Fleisch gewordenen Wortes, wird - in Seiner Kraft, die das ganze Dasein des Einzelnen und die Menschheitsgeschichte erlöst - für den gewöhnlichen Menschen in der radikalen Veränderung erfahrbar, die Er in demjenigen hervorbringt, der auf Ihn trifft und Ihm, wie Johannes und Andreas, nachfolgt.
So ist für mich die Gnade Jesu in dem Maße, in dem ich der Begegnung mit Ihm anhängen konnte und Ihn meinen Geschwistern in der Kirche Gottes mitteilen konnte, zur Erfahrung eines Glaubens geworden, der sich in der Heiligen Kirche, also im christlichen Volk, als Anruf und als Wille erwiesen hat, ein neues Israel Gottes zu nähren: "Populum Tuum vidi, cum ingenti gaudio, Tibi offerre donaria" ("Ich habe gesehen, wie Dein Volk mit übergroßer Freude die Existenz als Hingabe an Dich anerkennt"), fährt das Gebet der ambrosianischen Liturgie fort.
Ich habe so gesehen, wie es geschah, dass sich ein Volk im Namen Christi bildete. Alles in mir ist wahrhaft religiöser geworden, bis hin zum Bewusstsein, das danach strebte zu entdecken, dass "Gott alles in allem" ist (l Kor 15, 28). In diesem Volk ist die Laetitia zum "ingens gaudium", zur übergroßen Freude, geworden, das heißt zum entscheidenden Faktor der eigenen Geschichte - als letzte Positivität und damit als Freude.
Das, was höchstens als einzigartige Erfahrung hätte erscheinen können, wurde zu einem Protagonisten in der Geschichte, und damit zum Werkzeug der Mission des einzigen Volkes Gottes.
Dies begründet nun die Suche nach der unter uns zum Ausdruck kommenden Einheit.

3. Der kostbare Text der ambrosianischen Liturgie schließt mit folgenden Worten: "Domine Deus, custodi hanc voluntatem cordis eorum" ("Herr mein Gott, bewahre diese Haltung ihrer Herzen").
Die Untreue erhebt sich immer wieder in unserem Herzen, auch vor den schönsten und wahrsten Dingen: jene Untreue, in der - angesichts der Menschlichkeit Gottes und der ursprünglichen Einfachheit des Menschen - der Mensch aus Schwachheit und weltlichem Vorurteil möglicherweise nicht standhält wie Judas und Petrus. Dennoch drängt uns die persönliche Erfahrung der Untreue, die sich immer wieder erhebt und die die Unvollkommenheit eines jeden menschlichen Gestus enthüllt, zum unaufhörlichen Gedächtnis Christi.
Dem verzweifelten Schrei des Pastors Brand im gleichnamigen Drama von Ibsen ("Antworte mir, o Gott, in der Stunde, in der der Tod mich verschlingt: Genügt denn der ganze Wille eines Menschen nicht, um auch nur einen Teil des Heils zu erlangen?") antwortet die demütige Positivität der heiligen Therese vom Kinde Jesu, die schreibt: "Wenn ich gütig bin, so nur, weil Jesus in mir wirkt".
All das bedeutet, dass die Freiheit des Menschen, die vom Geheimnis immer einbezogen wird, als höchste, unangreifbare Ausdrucksform das Gebet hat. Darum drückt sich die Freiheit - gemäß ihrer gesamten wahren Natur - als Bitte um Anhängen an das Sein und deshalb an Christus aus. Auch in der Unfähigkeit, in der großen Schwäche des Menschen, ist doch die Zuneigung zu Christus dazu bestimmt, fortzudauern.
In diesem Sinne ist Christus, Licht und Stärke eines jeden seiner Jünger, der angemessene Widerschein dieses Wortes, mit dem sich das Geheimnis in seiner letzten Beziehung zum Geschöpf enthüllt - als Barmherzigkeit: Dives in Misericordia. Das Geheimnis der Barmherzigkeit sprengt jede menschliche Vorstellung von Ruhe oder Verzweiflung; auch das Spüren der Vergebung ist in diesem Geheimnis Christi enthalten.
Dies ist die letzte Umarmung des Geheimnisses, welcher der Mensch - selbst der entfernteste und perverseste oder verfinstertste, düsterste Mensch - nichts entgegensetzen kann, er kann ihr keinen Einwand entgegensetzen: Er kann ihr abtrünnig werden, aber nur indem er sich selbst und dem eigenen Guten abtrünnig wird. Das Geheimnis als Barmherzigkeit bleibt das letzte Wort, auch in Bezug auf alle schlimmen Möglichkeiten der Geschichte.
Darum drückt sich die Existenz - als letztes Ideal - im Betteln aus. Der wahre Protagonist der Geschichte ist der Bettelnde: Christus, der um das Herz des Menschen bettelt, und das Herz des Menschen, das um Christus bettelt.

  LAST UPDATE 06.06.2006 Impressum