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Ein Schönheit, die wieder gewonnen werden muss

Die Erfahrung der Familie

Ein Schönheit, die wieder gewonnen werden muss

von Julián Carrón

EIN NEUER ANFANG

Die Familie steht in jüngster Zeit im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion. Der Versuch, neue Formen des Zusammenlebens zu regeln, die sich von der Ehe – als einer dauerhaften und fruchtbaren Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau – unterscheiden, hat eine leidenschaftliche Diskussion entfacht. Das ist nichts völlig Neues, vielmehr ist dies der Höhepunkt eines Prozesses, der vor Jahren begann.

Diese Debatte macht einerseits deutlich, dass trotz der ganzen medialen Propaganda einer gegen die Familie gerichteten Mentalität in Kino, Fernsehen und Presse sehr viele Menschen weiterhin eine positive Erfahrung der Familie machen. Angesichts des eindrucksvollen Aufgebots an medienwirksamen, ideologischen Kräften schien der Eindruck unvermeidlich, dass die Familie uninteressant sei. Doch müssen wir fast überrascht die Tatsache anerkennen, dass der erstaunliche Aufwand nicht machtvoller ist als die grundlegende Erfahrung, die viele von uns in der eigenen Familie gemacht haben, nämlich die unauslöschliche Erfahrung eines Gutes. Wir sind dankbar für dieses Gut und wollen es künftigen Generationen weitergeben, um es mit ihnen zu teilen.

Andererseits war diese Erfahrung aber nicht in der Lage, jene Versuche in der Gesellschaft aufzuhalten, die die Ehe in andere Formen des Zusammenlebens umgestalten wollten. Bemerkenswert ist dabei, dass dieser Prozess zu einem Zeitpunkt begann, als das Ehe-Recht in weiten Teilen die traditionelle aus dem Christentum stammende Auffassung der Ehe vertrat. Aber auch die Gesetzgebung konnte nicht verhindern, dass sich eine Mentalität ausbreitete, die im Widerspruch zur Ehe steht. Sie war nicht in der Lage, diesen Wandel aufzuhalten.

Wie konnte das geschehen? Wie ist es möglich, dass die Klarheit, die man über die Natur der Ehe erlangt hatte und die sich über die Jahrhunderte hin bestätigt hatte, in so kurzer Zeit auf breiter Ebene zur Diskussion stand? Der Versuch, die aktuelle Lage zu verstehen, erscheint mir entscheidend, um darauf antworten zu können.

Benedikt XVI. bietet in seiner Enzyklika Spe salvi hierzu einen Verständnisschlüssel, wenn er feststellt, dass „addierbarer Fortschritt nur im materiellen Bereich möglich ist. Hier, in der wachsenden Erkenntnis der Strukturen der Materie und entsprechend den immer weitergehenden Erfindungen gibt es klarerweise eine Kontinuität des Fortschritts zu immer größerer Beherrschung der Natur. Aber im Bereich des moralischen Bewusstseins und des moralischen Entscheidens gibt es keine gleichartige Addierbarkeit, aus dem einfachen Grund, weil die Freiheit des Menschen immer neu ist und ihre Entscheide immer neu fällen muss. Sie sind nie einfach für uns von anderen schon getan – dann wären wir ja nicht mehr frei. Freiheit bedingt, dass in den grundlegenden Entscheiden jeder Mensch, jede Generation ein neuer Anfang ist.“1

Ein neuer Anfang. Man wird kaum einen angemesseneren Ausdruck finden können, um die Gegenwart zu beschreiben. Wenn jeder Augenblick ein neuer Anfang ist, gerade weil die Freiheit im Spiel ist, dann ist der unsere recht eigentlich ein neuer Anfang. Denn das, was von einer Generation zur anderen friedlich überliefert wurde, ist nicht mehr vorhanden. Es ist ein neuer Anfang, weil man nichts von dem für selbstverständlich halten kann, was bis vor Kurzem für alle klar war. Wir müssen also von vorn beginnen.

Genau betrachtet ist unsere Situation nicht viel anders als die am Anfang. Man muss sich nur die Reaktion der Jünger ins Gedächtnis rufen, als sie Jesus das erste Mal von der Ehe reden hörten. „Da kamen Pharisäer zu ihm, die ihm eine Falle stellen wollten, und fragten: Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen? Er antwortete: Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer die Menschen am Anfang als Mann und Frau geschaffen hat und dass er gesagt hat: Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein? Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Da sagten die Jünger zu ihm: Wenn das die Stellung des Mannes in der Ehe ist, dann ist es nicht gut zu heiraten.“2 Wir dürfen uns also nicht wundern. Dasselbe, was heute so vielen unserer Zeitgenossen und oftmals uns selbst unmöglich erscheint, erschien auch den Jüngern unmöglich.

Dies bedeutet aber nicht, dass alles, was man durch eine jahrtausendealte Geschichte gelernt hat, unnütz ist. Es heißt lediglich, dass dieser angesammelte Reichtum nicht automatisch weiter gegeben wird. In der Tat fährt der Papst fort: „Sicher können die neuen Generationen auf die Erkenntnisse und Erfahrungen derer bauen, die ihnen vorausgegangen sind, und aus dem moralischen Schatz der ganzen Menschheit schöpfen. Aber sie können ihn auch verneinen, weil er nicht dieselbe Evidenz haben kann wie die materiellen Erfindungen. Der moralische Schatz der Menschheit ist nicht da, wie Geräte da sind, die man benutzt, sondern ist als Anruf an die Freiheit und als Möglichkeit für sie da.“3 Die Weitergabe auf moralischem Gebiet ist nicht so leicht zu vermitteln, weil ihre Inhalte nicht dieselbe Evidenz besitzen können wie die naturwissenschaftlichen Entdeckungen. Der moralische Schatz ist eine Einladung an die Freiheit.

Deshalb sollten wir nicht mehr von Systemen träumen, „die so perfekt sind, dass niemand mehr gut zu sein braucht“4. Das betrifft vor allem uns selbst, die wir nicht anders sind als die meisten. Mit Schmerz stellen wir fest, dass auch viele Freunde unter uns nicht vermögen, angesichts der zahlreichen äußeren und inneren Schwierigkeiten standzuhalten. Und was uns selbst betrifft, so reicht die Kenntnis der wahren Lehre über die Ehe nicht aus, um alle Herausforderungen des Lebens durchzustehen. Auch daran hat uns der Papst erinnert: „Gute Strukturen helfen, aber sie reichen allein nicht aus. Der Mensch kann nie einfach nur von außen her erlöst werden.“5

DAS ICH ZURÜCKGEWINNEN

Wie kann also dieser neue Anfang gelingen, den Benedikt XVI. herbeigewünscht hat?

Der Weg kann kein anderer sein als der, der in Goethes Faust nahegelegt wird: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“6 Um es von Neuem zu gewinnen, müssen wir zum Ursprung der Liebeserfahrung zurückgehen und ihre wahre Natur wiederentdecken. Nur diese Erfahrung kann der angemessene Ausgangspunkt sein, um aus ihrem Inneren heraus den Wert dessen zu erfassen, was Christus der Liebe zwischen den Eheleuten vorschlägt.

Die Brautleute sind zwei menschliche Subjekte, ein Ich und ein Du, die sich entschließen, gemeinsam auf die Bestimmung, auf das Glück zuzugehen. Wie sie ihre Beziehung angehen, wie sie sie sehen, hängt vom Bild ab, das jeder von ihnen vom eigenen Leben und von der Verwirklichung der eigenen Person hat. Das beinhaltet eine bestimmte Auffassung des Menschen und seines Geheimnisses. Der Papst betont: „Die Frage der richtigen Beziehung zwischen Mann und Frau hat ihre Wurzeln im tiefsten Wesen des Menschseins und kann ihre Antwort nur von daher finden. Das heißt, sie kann nicht getrennt werden von der alten und immer neuen Frage des Menschen über sich selbst: Wer bin ich? Was ist der Mensch?“7

Deshalb besteht die erste Hilfe, die man dem zukünftigen Brautpaar anbieten kann, darin, dass sie sich des Geheimnisses ihres Menschseins bewusst werden können. Nur so werden sie ihre Beziehung auf angemessene Weise angehen können, ohne voneinander etwas zu erwarten, das naturgemäß niemand dem anderen geben kann. Wie viel Gewalt, wie viel Enttäuschung könnten in der ehelichen Beziehung vermieden werden, wenn die eigentliche Natur der Person begriffen würde!

Dieses fehlende Bewusstsein über die Bestimmung des menschlichen Wesens führt dazu, die ganze Beziehung auf einem Trug aufzubauen, den man zusammenfassend so formulieren könnte: Die Überzeugung, dass das Du das Ich glücklich machen kann. Die Paarbeziehung wird auf diese Weise zu einer ebenso erwünschten wie nutzlosen Zuflucht, um das Problem der Zuneigung zu lösen. Und wenn der Trug offensichtlich wird, ist die Enttäuschung unvermeidlich, weil der andere die Erwartung nicht erfüllt hat. Die eheliche Beziehung kann keine andere Grundlage haben als die Wahrheit eines jeden seiner Beteiligten.

Wie können sie ihre Wahrheit entdecken, das Geheimnis ihres Menschseins?

DIE DYNAMIK DES NEUEN ANFANGS: SCHÖNHEIT, ZEICHEN, VERHEISSUNG

Gerade die Liebesbeziehung führt wesentlich zur Entdeckung der Wahrheit des Ich und des Du. Und zusammen mit der Wahrheit des Ich und des Du wird die Natur der gemeinsamen Berufung sichtbar.

Was wir sind, wird uns durch die Beziehung zur geliebten Person ganz deutlich offenbart. Nichts weckt uns mehr, nicht macht uns den Wunsch nach Glück, der uns ausmacht, so bewusst wie die geliebte Person. Ihre Gegenwart ist ein so großes Gut, dass sie uns die Tiefe und die wahre Dimension dieses Wunsches erfassen lässt: Es ist ein unendlicher Wunsch. Man kann auf die Liebesbeziehung analog das anwenden, was der italienische Schriftsteller Cesare Pavese von der Lust sagt: „Das, was ein Mensch in der Lust sucht, ist etwas Unendliches, und niemand würde jemals auf die Hoffnung verzichten, diese Unendlichkeit zu erreichen.“8 Ein begrenztes Ich und ein begrenztes Du rufen jeweils im anderen einen unendlichen Wunsch wach, und sie entdecken durch ihre Liebe, auf eine unendliche Bestimmung hin geworfen zu sein. In dieser Erfahrung offenbart sich beiden die eigene Berufung.

Und im selbem Augenblick, in dem sich uns die grenzenlosen Dimensionen unseres Wunsches offenbaren, wird uns eine Möglichkeit zur Erfüllung angeboten. Mehr noch, indem wir in der geliebten Person die Verheißung der Erfüllung erahnen, entzündet sich in uns das ganze unendliche Potential der Sehnsucht nach Glück. Deswegen kann uns nichts anderes das Geheimnis unseres Menschenseins besser verstehen lassen als die Beziehung zwischen Mann und Frau, wie uns Benedikt XVI. in der Enzyklika Deus caritas est ins Gedächtnis gerufen hat: so erscheint „die Liebe zwischen Mann und Frau, in der Leib und Seele untrennbar zusammenspielen und dem Menschen eine Verheißung des Glücks aufgeht, die unwiderstehlich scheint, als der Urtypus von Liebe schlechthin, neben dem auf den ersten Blick alle anderen Arten von Liebe verblassen.“9 In dieser Beziehung scheint der Mensch der Verheißung zu begegnen, die ihn die eigene Grenze überwinden lässt und ihm verspricht, eine unvergleichliche Fülle zu erlangen, denn „an der Wurzel aller lebendigen Wirklichkeit ist die Bräutlichkeit. Und es ist die Bräutlichkeit, die alles zur Verheißung macht, wie das Wort selbst besagt: bräutlich (im Italienischen: sponsale) bedeutet eine verheißende Wirklichkeit, eine Wirklichkeit, die verheißt.“10 Deshalb hat die Geschichte der Menschheit – wenn auch in ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen – immer eine Beziehung zwischen der Liebe und dem Göttlichen gesehen: Die Liebe „verheißt Unendlichkeit, Ewigkeit – das Größere und ganz Andere gegenüber dem Alltag unseres Daseins“.11

Es handelt sich genau um die Erfahrung, die auf unvergessliche Weise Giacomo Leopardi in seinem Gesang Aspasia zum Ausdruck bringt: „Ein Strahl des Göttlichen erscheinst du mir, o Weib, in deiner Schönheit.“12 Die Schönheit der Frau wird vom Dichter als göttlicher Strahl wahrgenommen, als die Gegenwart des Göttlichen. Durch die Schönheit der Frau klopft Gott an die Tür des Mannes. Wenn der Mann die Natur dieses Rufs nicht versteht und nicht riskiert, indem er ihm nachkommt, wird er kaum die eigene Bestimmung zu Unendlichkeit und Glück in ihrer Tiefe begreifen.

Die Frau mit ihrer Begrenztheit weckt im – ebenfalls begrenzten – Mann eine Sehnsucht nach Fülle, die in keinem Verhältnis zur Fähigkeit der Frau steht, diesem Wunsch zu entsprechen. Sie ruft einen Durst wach, den zu stillen sie nicht in der Lage ist. Sie ruft einen Hunger wach, der in ihr, die ihn geweckt hat, keine Antwort findet. Von hier rühren die Wut und die Gewalt, die so oft zwischen den Eheleuten entstehen, und die Enttäuschung, in die sie stürzen, wenn sie nicht die wahre Natur ihrer Beziehung verstehen.

Die Schönheit der Frau ist in Wirklichkeit ein göttlicher Strahl, ein Zeichen, das über sich hinausweist, auf etwas Anderes, Größeres, Göttliches, das unermesslich ist im Vergleich zu seiner begrenzten Natur, wie es Romeo im Drama von William Shakespeare beschreibt: „Zeig Eine mir, die unvergleichbar schön ist! Wozu die Schönheit, als dass ich draus lese, wer diese trefflich Schöne übertraf?“13 Ihre Schönheit ruft: „Ich bin es nicht. Ich bin nur eine Erinnerung daran. Schau! Schau! Woran erinnere ich dich?“14

Dies ist die Dynamik des Zeichens, und die Beziehung zwischen Mann und Frau stellt ein bewegendes Beispiel dafür dar. Je mehr sie die Gegenwart des Geliebten als Zeichen von etwas Anderem erleben – das die Wahrheit des Geliebten ist – umso mehr erwarten und begehren sie dieses Andere.

Wenn der Mensch diese Dynamik nicht versteht, verfällt er dem Irrtum, bei der Wirklichkeit stehen zu bleiben, die den Wunsch geweckt hat. Es ist dann so, als ob eine Frau einen Blumenstrauß geschenkt bekommt und von seiner Schönheit so hingerissen ist, dass sie das Antlitz dessen vergisst, der ihn ihr geschickt hat und für den er Zeichen ist. Damit würde sie das Wertvollste an den Blumen verfehlen. Wenn wir den anderen nicht in seinem zeichenhaften Charakter anerkennen, dann führt das dazu, dass wir ihn unvermeidlich auf das verkürzen, was vor unseren Augen erscheint. Und über kurz oder lang zeigt sich seine Unfähigkeit, dem Wunsch zu entsprechen, den er geweckt hat.

Deshalb: wenn nicht jeder von beiden dem begegnet, worauf das Zeichen verweist, wenn er nicht dem Ort begegnet, an dem er die Erfüllung der Verheißung finden kann, die der andere wachgerufen hat, dann sind die Eheleute dazu verurteilt, von einem Anspruch verzehrt zu werden, von dem sie sich nicht befreien können. Und ihr Wunsch nach Unendlichkeit, der durch nichts so sehr wachgerufen wird wie durch die geliebte Person, ist dazu verurteilt, unbefriedigt zu bleiben. Angesichts dieses Unbefriedigtseins sehen heute viele den einzigen Ausweg darin, den Partner zu wechseln, womit ein Teufelskreis beginnt, in dem das Problem bis zur nächsten Enttäuschung aufgeschoben wird.

Aber dieser Teufelskreis kann nicht der einzige Ausweg sein. Dies ist das Paradox der Liebe zwischen Mann und Frau: zwei Unendlichkeiten begegnen zwei Grenzen; zwei unendliche Bedürfnisse, geliebt zu werden, begegnen zwei zerbrechlichen und begrenzten Fähigkeiten zu lieben. Und nur im Horizont einer größeren Liebe verschleißen sie sich nicht im Anspruch und geben nicht auf, sondern gehen zusammen einer Erfüllung entgegen, für die der andere Zeichen ist. Nur im Horizont einer größeren Liebe kann man vermeiden, sich im gewaltsamen Anspruch zu verzehren, dass der andere, der begrenzt ist, den unendlichen Wunsch erfüllen soll, den er wachruft. Dieser Anspruch würde die eigene Erfüllung und die der geliebten Person unmöglich machen. Um das zu entdecken, muss man bereit sein, der Dynamik des Zeichens nachzukommen, indem man offen bleibt für die Überraschung, die diese uns bescheren kann.

Leopardi hatte den Mut, dieses Wagnis einzugehen. Mit einer Intuition, die die Liebesbeziehung durchdringt, erahnt der italienische Dichter, dass das, was er in der Schönheit der Frauen suchte, in die er sich verliebt hatte, die Schönheit schlechthin war. Der Gesang Alla sua donna bringt am Höhepunkt seiner menschlichen Intensität seinen ganzen Wunsch zum Ausdruck, dass die Schönheit, die ewige Idee der Schönheit, eine spürbare Gestalt annehmen möge. Und dies ist in Christus geschehen, dem Fleisch gewordenen Wort. Deshalb bezeichnete Luigi Giussani dieses Gedicht als „eine Prophetie der Inkarnation“.15

In diesem Zusammenhang kann man den unerhörten Vorschlag Jesu verstehen, damit die schönste Erfahrung des Lebens, nämlich sich zu verlieben, nicht verfällt und zu etwas wird, das einen schließlich erstickt.

Dies ist der Anspruch Jesu, den wir in einigen Abschnitten des Evangeliums finden, die uns auf den ersten Blick paradox erscheinen können. „Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden

auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig. Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen. Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.“16

In diesem Text stellt sich Jesus als das Zentrum der Zuneigungfähigkeit und der Freiheit des Menschen vor. Er stellt sich selbst in das Herz der natürlichen Gefühle und zeigt sich so mit vollem Recht als ihre wahre Wurzel. Auf diese Weise offenbart Jesus die Tragweite der Verheißung, die seine Person für jene darstellt, die ihn einlassen. Es handelt sich nicht um eine Einmischung Jesu auf der Ebene der intimsten Gefühle, sondern um die größte Verheißung, die der Mensch jemals hätte empfangen können: Ohne Christus (also die Fleisch gewordene Schönheit) mehr zu lieben als die geliebte Person, verwelkt die Beziehung zu ihr. Denn Er ist die Wahrheit dieser Beziehung, die Fülle, auf die der eine den anderen verweist und in der sich ihre Beziehung erfüllt. Nur indem man Ihm erlaubt, in die Beziehung einzutreten, ist es möglich, dass die schönste Beziehung, die im Leben geschehen kann, nicht verdirbt und mit der Zeit stirbt. Dies ist die Kühnheit seines Anspruchs.

Wie hat Jesus auf den Schrecken der Jünger angesichts der Wahrheit über die Ehe, die er ihnen gerade verkündete, geantwortet? Wir können es mit einer Formel sagen: indem er das Christentum hervorbrachte. Er blieb nicht dabei stehen, die Wahrheit der Ehe zu verkünden, sondern er führte eine Neuheit in ihr Leben ein, die es möglich machte, nach dieser Wahrheit zu leben.

Dass diese Neuheit etwas so Wirkliches ist und der Natur des Menschen entspricht, sieht man daran, dass man auf sie das ganze Leben setzen kann. Es ist das, was die christliche Tradition Jungfräulichkeit nennt.

EHE UND JUNGFRÄULICHKEIT

Angesichts der erstaunten Reaktion der Jünger auf die ursprüngliche Natur der Ehe sagt Jesus einen Satz, der noch rätselhafter erscheinen mag: „Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist. Denn es ist so: Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht, und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es.“17

Mit diesen Worten fügt Jesus zu den schon bekannten zur Ehe Unfähigen eine neue Kategorie hinzu, nämlich jene, die für das Reich Gottes zur Ehe nicht fähig sind. Offensichtlich handelt es sich um die Entscheidung, auf die Ehe zu verzichten, die jene treffen, denen es gegeben wurde, den einzigartigen Wert des Himmelreiches zu erkennen. Johannes Paul II. sagte zu diesem Abschnitt folgendes: Es „werden in jenem Ruf zur Ehelosigkeit ‚um des Himmelreiches willen‘ zuerst die Jünger und dann die ganze lebendige Überlieferung der Kirche sehr rasch die Liebe entdecken, die sich auf Christus selbst als den Bräutigam der Kirche, den Bräutigam der Seelen bezieht, denen er sich in seinem Paschamysterium und der Eucharistie bis ans Ende hingegeben hat. So ist die Ehelosigkeit ‚um des Himmelreiches willen‘, die Wahl der Jungfräulichkeit oder des Zölibats für das ganze Leben, in der Erfahrung der Jünger und der Nachfolger Christi zum Akt einer besonderen Antwort auf die Liebe des göttlichen Bräutigams geworden und hat darum die Bedeutung eines Aktes bräutlicher Liebe angenommen: das heißt einer bräutlichen Selbsthingabe, um in besonderer Weise die Liebe des Erlösers zu erwidern; einer Selbsthingabe, die als Verzicht verstanden, aber vor allem aus Liebe vollzogen wird.“18

In diesem Lichte wird verständlich, was die Jungfräulichkeit ist: Die neue, absolut ungeschuldete Beziehung, die Christus in die Geschichte eingeführt hat. Jungfräulichkeit heißt, die Dinge gemäß ihrer Wahrheit zu leben. Wie kam die Jungfräulichkeit in die Welt? Sie kam als Nachahmung Christi in die Welt, das heißt als Nachahmung des Lebens eines Mannes, der Gott war. Kein anderer Grund kann etwas so Großartiges tragen, wie die Existenz in jungfräulicher Weise zu leben: Nur das Sich-Hineinbegeben in die Art und Weise, in der Christus die Wirklichkeit beherrschte, das heißt nach dem Willen des Vaters.

Die Person Jesu ist ein so großes und kostbares Gut, dass Er der einzige ist, der dem Durst des Menschen nach Glück vollkommen entspricht. Genau diese einzigartige Entsprechung, die Er für die darstellt, die ihm begegnen, ermöglicht eine absolut ungeschuldete Beziehung mit der Wirklichkeit. Deshalb kann der, der die Jungfräulichkeit lebt, frei sein, nicht zu heiraten.

Wie tragen jene, die zur Jungfräulichkeit berufen sind, zum Reich Gottes bei? Diejenigen, die zur Jungfräulichkeit berufen sind, wurden dazu erwählt: „… ihr ganzes Leben besteht daraus, in jedem Augenblick auszurufen, dass Christus das einzige ist, wofür es sich zu leben lohnt. Das macht die Form ihres Lebens als solche aus. (…) Darin liegt der objektive Wert der Berufung: die Form ihres Lebens spielt in der Welt für Christus, kämpft in der Welt für Christus. Die Form ihres Lebens selbst! (…) Es ist ein Leben, das in seiner Form ausruft: ‚Jesus ist alles‘. Sie rufen dies vor allen aus, vor allen, die sie sehen, die ihnen begegnen, die sie hören, die auf sie schauen.“19

Die Berufung zur Jungfräulichkeit ist eng mit der Berufung zur Ehe verbunden. Die zur Jungfräulichkeit Berufenen rufen den Ehepaaren die Wahrheit ihrer Liebe zu. Folgen wir noch einmal Johannes Paul II.: „Im Lichte der Worte Christi wie auch im Licht der gesamten authentischen christlichen Überlieferung lässt sich folgern, dass dieser Verzicht zugleich eine besondere Form der Bejahung jenes Wertes ist, auf den der Unverheiratete konsequent verzichtet, wenn er den Rat des Evangeliums befolgt. Das mag paradox erscheinen. Bekanntlich werden jedoch zahlreiche Aussagen des Evangeliums und oft gerade die eindrucksvollsten und tiefgehendsten in Paradoxen dargeboten. Wenn wir diese Bedeutung des Rufes zur Ehelosigkeit ‚um des Himmelreiches willen‘ annehmen, ziehen wir die richtige Schlussfolgerung, wenn wir feststellen, dass die Verwirklichung dieses Rufes auch – und in besonderer Weise – eine Bejahung des bräutlichen Bedeutung des menschlichen Leibes in seiner Männlichkeit und Weiblichkeit ist. Der Verzicht auf die Ehe um des Reiches Gottes willen unterstreicht zugleich diesen Sinn in seiner ganzen inneren Wahrheit und personalen Schönheit. Man kann sagen, dass dieser Verzicht von Seiten einzelner Personen, Männer und Frauen, gewissermaßen unerlässlich ist, damit eben die bräutliche Bedeutung des Leibes im Gesamtethos des menschlichen Lebens und vor allem im Ethos des Ehe- und Familienlebens leichter erkannt wird.“20

Die Jungfräulichkeit ist die echte Hoffnung für die Ehepaare. Sie eröffnet die Möglichkeit, die Ehe ohne Anspruch und Täuschungen zu leben: „Kraft dieses Zeugnisses hält die Jungfräulichkeit in der Kirche das Bewusstsein für das Mysterium der Ehe wach und verteidigt es vor jeder Verkürzung und jeder Verarmung.“21

„Deshalb ist die Jungfräulichkeit die ideale christliche Tugend einer jeden Beziehung, auch der Beziehung zwischen Verheirateten. In der Tat ist der Höhepunkt ihrer Beziehung, der Gipfelpunkt ihrer Beziehung dort, wo sie sich opfern, nicht dort, wo sie sich besitzen. Denn durch die Erbsünde führt das Ergreifen dazu, dass man ausgleitet. Wie wenn jemand etwas wünscht und darauf zuläuft und, wenn er kurz davor ist, so rennt, dass er mit der Nase dagegen stößt: Er stolpert, rutscht aus. Darum sagen wir, dass die Jungfräulichkeit ein Besitz mit einem inneren Abstand ist.“22 Der wahre Besitz, den wir leben, ist der Besitz mit einem inneren Abstand.

DER ORT DER FAMILIE: LEBENDIGE CHRISTLICHE GEMEINSCHAFTEN

Hier wird also die Aufgabe der christlichen Gemeinschaft in ihrer ganzen Bedeutung deutlich: eine Erfahrung des Christentums für die Fülle des Lebens eines jeden Menschen zu fördern. Nur im Rahmen dieser größeren Beziehung ist es möglich, sich nicht zu verschlingen. Denn jeder findet in ihr die eigene menschliche Vollendung und entdeckt in sich eine Fähigkeit, den anderen in seiner Verschiedenheit zu umarmen, die Fähigkeit zu einer grenzenlosen Ungeschuldetheit und einer immer neuen Vergebung.

Ohne christliche Gemeinschaften, die fähig sind, Ehepaare in ihrem Abenteuer zu begleiten und zu unterstützen, wird es schwierig, wenn nicht unmöglich, dass sie es glücklich zu Ende führen. Die Eheleute können sich ihrerseits einer Arbeit der Erziehung – die zuallererst von ihnen selbst zu leisten ist – nicht entziehen im Glauben, allein die Zugehörigkeit zu einer kirchlichen Gemeinschaft würde sie von ihren Schwierigkeiten befreien. Auf diese Weise offenbart sich deutlich die Natur der ehelichen Berufung: gemeinsam dem Einzigen entgegen zu gehen, der den Durst nach Glück löschen kann, den der andere beständig in mir wachruft, das heißt Christus entgegen zu gehen. So kann man vermeiden, wie die Samariterin von einem Ehemann zum anderen zu gehen, ohne den eigenen echten Wunsch erfüllen zu können. Gerade weil sie sich ihrer Unfähigkeit bewusst war, ihr Drama selbst lösen zu können – nicht einmal indem sie fünfmal den Ehemann wechselte! – konnte sie Jesus als ein so begehrenswertes Gut wahrnehmen, dass sie unvermeidlich ausrief: „Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe.“23

Im Wissen um die gegenwärtige Situation sieht Benedikt XVI. die Notwendigkeit, „dass die Familien nicht allein gelassen werden. Eine kleine Familie kann schwer überwindbaren Hindernissen gegenüberstehen, wenn sie spürt, dass sie von den anderen Verwandten und ihren Freunden isoliert ist. Deshalb hat die kirchliche Gemeinschaft die Verantwortung, Unterstützung, Anregung und spirituelle Nahrung anzubieten, die den Familienzusammenhalt stärkt, von allem in Zeiten der Prüfung und kritischen Stunden. Sehr wichtig ist in dieser Hinsicht die Arbeit der Pfarrgemeinden ebenso wie jene der verschiedenen kirchlichen Vereinigungen, die als unterstützende Strukturen und naher Beistand der Kirche mitwirken sollen, dass die Familie im Glauben wächst.“24 Diese Einladung voller Zärtlichkeit und Realismus weist zugleich auf eine Aufgabe hin: die Familie als solche braucht einen Ort zum leben, und dieser kann nur aus christlichen Gemeinschaften bestehen, die ihrerseits kontemplativ und wirksam den eigenen Glauben leben. In einem Interview brauchte Giussani folgendes Bild: „Ein Volk entsteht aus einem Ereignis. Es bildet sich als Wirklichkeit aus, die das für sie typische Leben gegenüber jedem verteidigt, der sie bedroht. Stellen wir uns zwei Familien vor, die in Pfahlbauten mitten in einem Fluss wohnen, der anschwillt. Die Einheit dieser zwei, dann fünf, und mit der Zeit zehn Familien wächst, indem sie um das Überleben kämpfen und letztlich ist es ein Kampf, um das Leben zu bejahen. Ohne es zu wollen, bejahen sie ein Ideal, nämlich das Leben. So erachten die Leute, die sich auf ein Volk beziehen, unausweichlich das Leben als positiv. In der Verkündigung des christlichen Faktums sind diese Voraussetzungen an die Idee eines Volkes das Höchste, was die Auffassung und Verwirklichung eben dieser Idee eines Volkes betrifft, damit ein vernünftiges Verständnis vom Leben des Einzelnen wie der Gesellschaft überhaupt möglich ist. In ihm erfüllt sich für uns das, was das große Ethos des jüdischen Volkes in seiner ganzen Geschichte und in seiner Neigung, die Erde zu verändern, ausgemacht hat.“25

Die Zugehörigkeit eines Menschen zur eigenen Familie weitet sich also auf die Zugehörigkeit zur Kirche und so zu jener Spur von Kirche, in der jeder von uns die universelle Gegenwart Christi erfährt. Der brüderliche Zusammenschluss, gastfreundliche Häuser: darin liegt der größte Beitrag, den die Christen geben können, um die Erfahrung der Familie als unerschöpflichen Weges zu jener Fülle zu fördern und zu begleiten, die Christus darstellt. „Die Überwindung der Einsamkeit in der Erfahrung des Geistes Christi rückt den Menschen nicht an die anderen heran, sie öffnet ihn vielmehr für die anderen bis hin in die Tiefe seines Seins. (…) Die Gemeinschaft wird für das Leben eines jeden Einzelnen zum wesentlichen Faktor. (…) Das ‚Wir‘ wird zur Fülle des ‚Ich‘, Gesetz der Verwirklichung des ‚Ich‘.“26

Ohne die Erfahrung einer menschlichen Erfüllung, die Christus ermöglicht, verkürzt man das christliche Ideal der Ehe auf etwas, das unmöglich zu verwirklichen ist. Die Unauflöslichkeit und die Ewigkeit der Liebe erscheinen als unerreichbare Chimären. Und in Wirklichkeit sind sie so ungeschuldete Gaben der Intensität der Erfahrung Christi, dass sie dem Ehepaar als Überraschung erscheinen, als Zeugnis, dass wirklich „für Gott nichts unmöglich ist.“27 Allein eine solche Erfahrung kann heute die Vernünftigkeit des christlichen Glaubens zeigen, eine Wirklichkeit, die dem Wunsch und den Bedürfnissen des Menschen vollkommen entspricht, auch in der Ehe und in der Familie. Dieses Zeugnis ist der Beitrag, den die christlichen Ehepaare heutzutage gegenüber der Mühsal geben können, in der sich viele Mitbürger befinden. Es ist ein ungeschuldetes Zeugnis, das die Vernunft und die Freiheit derer herausfordern wird, die eine Antwort auf ihr Bedürfnis nach Glück suchen und nicht finden können. Wir versuchen dieses Zeugnis zu geben mit dem Bewusstsein: „ Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt.”28

1 Spe salvi, 24.

2 Mt 19,3-6.10.

3 Spe salvi, 24.

4 vgl. T.S. Eliot, choruses from “the Rock”,6 (“By dreaming of systems so perfect that no one will need to begood”)

5 Spe salvi, 25

6 J.W. v. Goethe, Faust

7 Benedikt XVI, Schreiben bei der Eröffnung der Pastoraltagung der Diözese Rom zum Thema Familie,

Rom, 6. Juni 2005.

8 vgl. C. Pavese, Il mestiere di vivere, Einaudi, Turin 1973, S. 190.

9 Deus caritas est, 2.

10 L. Giussani, Affezione e dimora, Biblioteca Universale Rizzoli, Mailand 2001, S. 130.

11 Deus caritas est, 5.

12 G. Leopardi, Aspasia, 33-34.

13 W. Shakespeare, Romeo and Juliet, I,I, (“Show me a mistress that is passing fair, / What doth her beauty serve, but as a note / Where I may read who pass’d that passing fair?”).

14 vgl. C.S. Lewis, Surprised by Joy.

15 L. Giussani, Le mie letture, Biblioteca Universale Rizzoli, Mailand 1996, S. 30.

16 Mt 10,34-40.

17 Mt 19,11-12.

18 Johannes Paul II, Generalaudienz, 28. April 1982

19 L. Giussani, Die Zeit und der Tempel, Gott und der Mensch, Mailand 1996, S. 18.

20 Johannes Paul II, Generalaudienz, 5. Mai 1982.

21 Familiaris consortio, 16.

22 L. Giussani, Affezione e dimora, Biblioteca Universale Rizzoli, Mailand 2001, S. 250.

23 Joh, 4,15.

24 Benedikt XVI, Ansprache in Valencia, 8. Juli 2006, V. Welttreffen der Familien.

25 L. Giussani, L’io, il potere, le opere. Contributi da un’esperienza, Marietti, Genua 2000, S. 251.

26 L. Giussani, Der Weg zur Wahrheit ist eine Erfahrung, Sankt Ottilien 2006, S. 91.

27 Lk 1,37.

28 2. Kor 4,7.

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