cl Luigi Giussani

Gemeinschaft und Befreiung

ÖSTERREICH
AUSTRIA Official Site
  Home <<
Ansprache von don Julián Carrón

Audienz mit Seiner Heiligkeit Benedikt XVI

Rom, 24. März 2007

Julián Carrón

Eure Heiligkeit,

eine unerhörte Freude ergreift uns, denn wir sind glücklich, dass wir Sie treffen und mit Ihnen diesen Augenblick teilen können. Erlauben Sie mir, Ihnen im Namen meiner Freunde von Herzen für dieses unschätzbare Geschenk zu danken.

Uns allen ist noch in lebendiger Erinnerung, wie wir Ihnen das letzte Mal bei der Beerdigung von Don Giussani begegnet sind. Wir werden nie Ihre bewegende Verfügbarkeit vergessen, die Beerdigung mit uns zu feiern und ebensowenig Ihre Worte, die von großer Zuneigung und tiefem Verständnis für Giussani geprägt waren. Wie oft überraschen wir uns seitdem dabei, dass wir von Don Giussani mit jenen Worten sprechen, die Sie damals an uns gerichtet haben, um seine Persönlichkeit zu beschreiben: Ein Mensch, von der Schönheit verletzt, der nicht auf sich, sondern auf Christus schaute und so die Herzen der Menschen gewann!

Durch ihn, durch sein beharrliches Zeugnis haben wir gelernt, was auch Sie unermüdlich wiederholen, seitdem Sie das Papstamt übernommen haben: Die Schönheit des Christentums. Wir sind von der Schönheit Christi fasziniert. Sie hat uns durch das ansteckend intensive Leben Don Giussanis überzeugt, bis zu dem Punkt, dass jeder von uns mit Jacopone da Todi ausrufen kann: «Christus ergreift mich ganz in seiner Schönheit». Diese Schönheit des Christentums haben wir entdeckt, ohne irgendetwas authentisch Menschliches zu übergehen. Mehr noch, für uns entspricht der Glaube an Christus der Verherrlichung des Menschseins. Das ganze erzieherische Bemühen Giussanis bestand darin, die Entsprechung aufzuzeigen, die zwischen Christus und den authentischen Forderungen des Menschseins besteht. Er war überzeugt, dass nur ein Vorschlag, der sich an die Vernunft und Freiheit des Menschen richtet und in der Erfahrung bewährt, den Menschen zu interessieren vermag. Denn nur ein solcher Vorschlag kann seine Wahrheit, das heißt seine Angemessenheit für den Menschen erweisen. Wir möchten in Don Giussanis Fußstapfen treten. Angesichts von so viel Gnade sind wir unweigerlich von Schauder erfasst wegen unserer Unangemessenheit. Deshalb haben wir uns oft – und ganz besonders in diesen Tagen der Vorbereitung auf die Begegnung mit Ihnen –, der Worte erinnert, die Don Giussani im Jahre 1984 zum 30. Jahrestag der Entstehung der Bewegung an uns gerichtet hat: «Je reifer wir werden, umso mehr sind wir ein Schauspiel für uns selbst und, so Gott will, auch für die anderen. Es ist ein Schauspiel der Schwäche und des Verrats und folglich der Demütigung, gleichzeitig ist es ein Schauspiel der Gewissheit der Gnade, die uns jeden Morgen geschenkt und erneuert wird. Daraus erwächst jener offenherzige Freimut, der uns kennzeichnet und der uns jeden Tag unseres Lebens annehmen lässt als Hingabe an Gott, damit die Kirche in unseren Körpern und unseren Seelen anwesend sei, durch die Materialität unserer Existenz hindurch.»

Wir sind uns unserer Nichtigkeit bewusst und bitten jeden Tag, «Ja» sagen zu können zu der Gnade, die uns geschenkt wurde, damit wir sie ohne Ansprüche aber auch ohne Furcht unseren Menschenbrüdern bezeugen können. Wir sind gewiss, dass das Herz des Menschen, auch wenn es verletzt ist, selbst in diesem Augenblick der Verwirrung in der Welt, weiterhin die Wahrheit und die Schönheit anerkennen kann, sobald der Mensch sie auf seinem Lebensweg findet. Wir möchten die Neuheit, die uns geschehen ist, in allen Situationen und Lebensumständen unserer Existenz anerkennen. Dabei vertrauen wir darauf, dass wir in unserer Begrenztheit die ganze Schönheit bezeugen können, die unser Leben ergriffen hat, so dass andere Menschen ihr begegnen können. Wir hoffen, dass sich so in uns erfüllt, was stets die Methode Gottes gewesen ist, um jedem Menschen Weggefährte zu werden: Er schenkt einem Einzelnen die Gnade, damit sie durch ihn alle Menschen erreichen kann. So hat Er sie auch Don Giussani gegeben, damit sie uns alle erreicht; so wurde sie uns gegeben, damit sie die anderen erreicht. Das ermöglicht jene Begegnung, die am Ursprung des christlichen Glaubens steht, wie Sie in Ihrer Enzyklika Deus caritas est gesagt haben: «Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt.» (Nr. 1). Deshalb haben wir in diesen Jahren versucht, die missionarische Einladung ernst zu nehmen, die der Diener Gottes, Johannes Paul II., aus Anlass der Dreißigjahrfeier der Bewegung an uns gerichtet hat: «Geht in alle Welt und bringt die Wahrheit, die Schönheit und den Frieden, denen man im Auferstandenen Christus begegnen kann» (29. September 1984).

Die Verbreitung des Charismas und das Wachstum der Gemeinschaften der Bewegung in der ganzen Welt zeigen die Barmherzigkeit Gottes, der unseren Einsatz fruchtbar machen wollte. Bei meinen Reisen in viele Länder der Erde habe ich gesehen, dass ein solchermaßen in seinen wesentlichen Elementen gelebtes Christentum im Herzen des Menschen Aufnahme finden kann, jenseits der Grenzen von Kultur und Religion.

Wir haben denselben Wunsch, der stets das Herz Don Giussanis bewegt hat: Dass die überzeugende Kraft der Bewegung in allem und für alle «Instrument der Mission des einen Volkes Gottes ist» (Zeugnis von Don Luigi Giussani während der Begegnung mit dem Heiligen Vater Johannes Paul II. mit den kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften. Petersplatz, Rom, 30.Mai 1998, Nr. 2). Das heißt, dass die Faszination des Charismas, dem wir begegnet sind, zum Wohle der ganzen Kirche in aller Welt verbreitet wird und in allen Ortskirchen gegenwärtig ist.

Deshalb haben wir darum gebeten, Sie treffen zu dürfen. Wie Sie bereits wissen, ist die Geschichte unserer Bewegung stets durch diese enge Beziehung zum Heiligen Stuhl gekennzeichnet gewesen. Von Beginn an war Don Giussani bestrebt, die empfangene Gnade in voller Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri – von Paul VI. bis Johannes Paul II. – zu leben, der allein die Authentizität jedes Unterfangens zu garantieren vermag: Wir können bezeugen, wie unermesslichen dankbar Don Giussani war, als Johannes Paul II. die Fraternität von Comunione e Liberazione anerkannte. Und wir haben noch vor Augen, wie er seine ganze Hingabe zum Ausdruck brachte, als er am 30. Mai 1998 vor dem Papst auf die Knie fiel.

Mit derselben Hingabe kommen wir heute anlässlich des 25. Jahrestages der päpstlichen Anerkennung der Fraternität und zwei Jahre nach dem Tod Don Giussanis zu Ihnen. Dabei sind wir uns wohl bewusst, welchen Wert der Nachfolger Petri für unseren Glauben hat. Ohne Ihr Zeugnis, das von der Macht des Heiligen Geistes garantiert wird, würde das Christentum in eine der vielen unterschiedlichen ideologischen Varianten zerfallen, die die Welt beherrschen.

Heiliger Vater, wir sind ganz erwartungsvoll an diesem Ort, um von Ihnen Weisungen und mögliche Korrekturen für den vor uns liegenden Weg zu empfangen. Wir sind überzeugt, dass wir in Ihrer Nachfolge das Geschenk des Charismas, das uns fasziniert hat, für die ganze Kirche und die Welt nutzbar machen. Wir werden Ihre Worte aufnehmen und – ich bin mir sicher, im Namen aller zu sprechen – uns bemühen, sie mit allem, was uns möglich ist, zu leben. Dabei sind wir uns der leidenschaftlichen Begleitung Don Giussanis in unserem Leben gewiss.

  LAST UPDATE 02.04.2007 Impressum