cl Luigi Giussani

Gemeinschaft und Befreiung

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Weihnachten und die Hoffnung

Julián Carrón

23. 12. 2008

la Repubblica

Die Lesungen der dritten Adventswoche in der Ambrosianischen Liturgie haben mich tief getroffen. Wie verunsichert wohl die alten Israeliten gewesen sein mögen, als sie die Worte Jeremias hörten? «Es frisst deine Ernte und dein Brot, es frisst deine Söhne und Töchter, es frisst deine Schafe und Rinder, […] es zerschlägt mit dem Schwert deine befestigten Städte, auf die du vertraust.» (Jer 5,17). Er verkündete ihnen, dass bald ein anderes Volk ihr Königreich, auf das sie ihr Vertrauen gesetzt hatten, besiegen würde. «Wie Ihr mich verlassen und fremden Göttern in eurem Land gedient habt, so müsst ihr Fremden dienen in einem Land, das euch nicht gehört.» (Jer, 5,19).

Es ist, als ob das für uns gesprochen worden wäre: Wir sehen Alarmsignale, die alle besorgt machen, und es scheint, dass das, was uns durch die Geschichte hindurch getragen hat, dem Ansturm der Zeiten nicht standhalten wird. Mal sind es Wirtschaft, Finanzmärkte und Arbeitswelt, mal Politik und Justiz, mal die Familie sowie Anfang und natürliches Ende des Lebens. Angesichts der besorgniserregenden Lage fragen wir uns, wie das Alte Israel: «Warum geschieht das alles?» Weil auch wir so arrogant gewesen sind und gedacht haben, die Wurzel unserer Zivilisation abschneiden zu können. In den letzten Jahrhunderten war es wirklich Grundannahme unserer Kultur, dass sie ihre Zukunft selbst aufbauen könnte, Gott hinter sich lassend. Jetzt erkennen wir, wohin uns diese Arroganz führt.

Angesichts von allem, was wir uns eingehandelt haben, was tut der Herr? Der Prophet Sacharja gibt uns einen Hinweis, wenn er zum Volk Israel spricht: «Denn siehe, ich werde meinen Knecht kommen lassen, den Spross.» (Sach 3,8) Man achte auf den Namen! Angesichts der Krise einer Welt, die die Propheten gerne mit dem Bild des trocknen Baumstumpfs beschrieben hätten, sprießt ein Hoffnungszeichen hervor. Die ganze ungeheure Größe und Trockenheit des Baumstumpfs kann nicht verhindern, dass mitten aus dem Volk ein Keim hervor sprießt, in dem die Hoffnung für die Zukunft liegt.

Aber ganz ohne Unbequemlichkeit geht es nicht: Wie damals diejenigen, die vor dem Kind in Nazareth standen, so können auch wir heute Anstoß nehmen und sagen: «Ist es denn möglich, dass etwas so Unbeständiges unser Warten auf die Befreiung beendet?» Eine so kleine Sache wie der Glaube an Jesus kann das Heil bringen? Es erscheint uns unmöglich, dass all unsere Hoffnung sich sicher auf die Zugehörigkeit zu diesem zerbrechlichen Zeichen stützen können soll, und der Anspruch, dass ausschließlich von ihm ausgehend alles wieder aufgebaut werden könne, erregt Anstoß bei uns. Und doch haben Menschen wie der Heilige Benedikt und der Heilige Franziskus genau so gehandelt: Sie lebten zuerst in Zugehörigkeit zu diesem Keim, der sich als die Kirche durch Zeit und Raum hindurch ausgebreitet hatte. Und dann wurden sie zu großen Protagonisten der Geschichte für das ganze Volk.

Benedikt reagierte nicht mit Zorn auf den Untergang des Römerreiches, er protestierte nicht dagegen, dass die Welt nicht christlich war, und er beklagte auch nicht den allgemeinen Zusammenbruch, noch griff er deswegen die Unmoral seiner Zeitgenossen an. Stattdessen bezeugte er den Menschen seiner Zeit eine Lebensfülle, Befriedigung und Erfüllung, die auf viele anziehend wirkte. Und das war die Morgenröte einer neuen Welt. Zugegebenermaßen klein, sogar fast nichtig im Vergleich zum Ganzen, das zudem noch an allen Ecken einstürzt – aber wirklich. Dieser Neubeginn war so konkret, dass die Werke Benedikts und Franziskus’ die Jahrhunderte überdauert und Europa verändert haben, indem sie es menschlicher gemacht haben.

«Er hat sich gezeigt. Er selbst.» hat Benedikt der XVI. über den Gott-mit-uns gesagt. Und Giussani: «Dieser Mensch von vor zweitausend Jahren verbirgt sich und wird gegenwärtig hinter dem Vorhang einer andersartigen Menschlichkeit.» Er zeigt sich in einem wirklichen Zeichen, das eine Vorahnung von jenem Leben gewährt, auf das wir alle warten, und diese Vorahnung lässt uns unserem Bösen und dem Nichts, das wächst, nicht zum Opfer fallen. Diese Hoffnung ist es, die an Weihnachten verkündigt wird, und deswegen rufen wir laut: «Komm, Herr Jesus!»

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