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CARRÓN: «EINE BARMHERZIGKEIT, DIE HERAUSFORDERT»

Avvenire

14. März 2009

Julián Carrón

Als erstes beeindruckt die Tatsache, dass der Papst die Notwendigkeit verspürte, einen solchen Brief zu schreiben. Er ist voller Schmerz über ein Unverständnis, das weniger von Seiten Außenstehender als von Seiten der Katholiken kam. Dies ist ungewöhnlich in der jüngeren Geschichte, soweit man sich erinnert, und ein Zeichen dafür, dass wir eine Tat des Papstes nicht verstehen, die – wie uns der Brief zeigt – zutiefst vernünftig ist.

In seiner Einfachheit war es eine Geste der Barmherzigkeit gegenüber einem Teil der Gläubigen, die der väterlichen Fürsorge des Hirten der Weltkirche anvertraut sind. Und ihre ganze Tragweite gewinnt sie angesichts der Verhärtung seiner Kritiker einschließlich derer, an die diese Geste gerichtet war. Diese Tat konfrontiert uns alle mit dem christlichen Ärgernis. Fast unvermeidlich kommen einem bei der Lektüre des Briefes die Worte Jesu in den Sinn: „Selig sind jene, die keinen Anstoß an mir nehmen.“ Die Worte Jesu waren an diejenigen gerichtet, die sich über Ihn erzürnten, weil Er mit Zöllnern und Sündern aß. Die Barmherzigkeit erregt als unzweideutige Tat des Göttlichen heute genauso Anstoß wie am ersten Tag. Es schmerzt, dass dies auch unter den Angehörigen des Volkes der Erlösten geschieht, das heißt unter denen, die zuallererst Gegenstand einer grenzenlosen Barmherzigkeit waren. Im Gegensatz zur Ansicht derer, die meinen, dass Benedikt XVI. die Adressaten seiner Geste in ihrer Haltung bestärkt, stellt sie für sie die größte Herausforderung dar, vor der sie je standen. Gerade die Barmherzigkeit fordert unsere Hartherzigkeit mehr als alle Mahnungen heraus. Wem viel vergeben wird, der liebt viel, sagt Jesus. Der Mensch ist keiner Geste gegenüber empfindsamer als gegenüber der Barmherzigkeit. Entsprechend war dies auch die Methode Jesu, wie der Heilige Paulus erinnert: „Als wir Sünder waren, ist Christus für uns gestorben.“ Das Schreiben des Papstes ist eine Antwort auf „die allererste Priorität, Gott gegenwärtig zu machen in dieser Welt“ - einen fleischgewordenen Gott, dessen Name „Barmherzigkeit“ ist, und der sich „durch die Einheit der Gläubigen“ manifestiert.

Dieser Brief hat einen „Atem“, für den wir dem Papst nur danken können. Das gilt umso mehr, je größer die Verhärtung jener wird, die das christliche Leben auf einen erstickenden Moralismus verkürzen. Nichts lässt mich so stolz auf meine Zugehörigkeit zur Kirche sein, wie ein solcher Brief; er erfüllt mich mit Vertrauen, dass ich an dem Tag, an dem ich irren sollte, mit ebensolcher Barmherzigkeit behandelt werde.

Julián Carrón, Präsident der Fraternität von CL

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