cl Luigi Giussani

Gemeinschaft und Befreiung

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Weihnachten: Das Wunder, das wir alle erwarten

Beitrag für den Osservatore Romano

23. Dezember 2010

Julián Carrón

„Durch mein ganzes Leben hat sich immer auch die Linie hindurch gezogen, dass Christentum Freude macht, Weite gibt. Schließlich könnte man als einer, der immer nur dagegen ist, das Leben wohl auch gar nicht ertragen.“ (Licht der Welt, S. 25). Diese Worte von Papst Benedikt XVI. fordern uns heraus: Was bedeutet Christsein heute? Einfach aus Tradition glauben, formale Frömmigkeit oder Gewohnheit, ein Rückzug in sich selbst? Solche Haltungen sind keine angemessene Antwort auf diese Herausforderung. Ebenso unzureichend sind die gewaltsame Reaktion oder das bloße „Gegen-den-Strom-Schwimmen“, um verlorenes Terrain wiederzugewinnen; der Papst sagt sogar, dies sei „unerträglich“. Der eine oder andere Weg – sich aus der Welt zurückziehen oder dagegen sein – weckt im letzten kein Interesse am Christentum. Denn keiner der beiden Haltungen nimmt auf das Rücksicht, was stets der Kanon christlicher Verkündigung sein wird: das Evangelium. Jesus erschien mit einer Anziehungskraft in der Welt, die die Menschen seiner Zeit faszinierte. Charles Péguy sagt: „Er vergeudete seine Zeit nicht damit, über die Schlechtigkeit der Zeit zu jammern und zu klagen. Er machte es kurz... Er schuf das Christentum.“ Christus führte eine so faszinierende menschliche Gegenwart in die Geschichte ein, dass jeder, der ihr begegnete, sich mit ihr auseinandersetzen musste: entweder um sie zurückzuweisen oder um sie anzunehmen. Niemanden konnte ihr gegenüber gleichgültig bleiben.

Heute stehen wir vor einer „Krise des Menschlichen“. Sie zeigt sich in einer Dumpfheit und Gleichgültigkeit gegenüber der Wirklichkeit und betrifft alle Bereiche, die mit dem Leben der Menschen zu tun haben. Die Menschen bringen ihre Vernunft und Freiheit nicht mehr zum Tragen, und dies bedeutet ein wirkliches Unglück für alle. Denn gerade in diesem Augenblick steht die Kirche vor einem faszinierenden Abenteuer. Es ist das gleiche wie an ihrem Anfang: Zeugnis dafür abzulegen, dass es etwas gibt, das im Menschen ein wirkliches Interesse weckt. „Auch mein Herz erwartet / auf Licht und Leben blickend / vom Frühling ein ganz anderes Wunder.“ Wie der Dichter Antonio Machado erwarten wir alle vom Frühling ein solches Wunder, das unser Leben erfüllt. Und wenn jemand sagt, all dies sei nur Träumerei, warum warten wir dennoch? Weil diese Erwartung uns im Innersten prägt. So schreibt Benedikt XVI.: „... der Mensch erstrebt eine unendliche Freude, er möchte Lust bis zum Äußersten, möchte das Unendliche“ (Licht der Welt, S. 81). Aber der Mensch kann verkommen und die Welt kann versuchen, diese Sehnsucht nach dem Unendlichen zu entleeren, indem sie sie banalisiert. Die Welt kann mit diesem Streben sogar ihren Spott treiben, indem sie ihm etwas anbietet, das zwar vorübergehend Interesse weckt, aber ohne von Dauer zu sein, und schließlich nur eine noch größere Unzufriedenheit und Skepsis hinterlässt. Der Aufweis der Wahrheit für das, was anzieht und interessiert, liegt in seiner Dauer. Aber auch die schönsten Dinge vergehen. Wir erkennen dies, wenn wir etwa einen Menschen lieben oder eine neue Arbeit beginnen. Das Problem des Lebens lässt sich also in der Frage zusammenfassen, ob es etwas gibt, das Bestand hat.

Gerade diesen Anspruch erhebt das Christentum, nämlich die einzige Antwort zu bringen, die in Zeit und Ewigkeit besteht. Denn der Ursprung des Christentums ist nicht menschlicher Natur, auch wenn wir es durch die Gesichter jener Menschen erkennen, die ihm begegnet sind. Deshalb gewinnt auch ein verkürztes Christentum keinen Bestand in der Zeit. Wir wissen aus Erfahrung, dass es eine abstrakte Art gibt, über den Glauben zu reden, die nicht die geringste Neugier erweckt. Wird das Christentum nicht seiner Natur gemäß respektiert, also so wie es in die Geschichte eintrat, dann kann es im Herzen der Menschen keine Wurzel schlagen. Das Christentum wird angesichts der Sehnsucht des Herzens immer neu auf die Probe gestellt, und es kann sich davon nicht befreien: Christus selbst hat sich dieser Prüfung unterworfen. Faszinierend daran ist, dass Gott Mensch geworden ist, indem er sich seiner Macht entkleidete, um die Würde und Freiheit eines jeden zu respektieren. Durch seine Fleischwerdung sagt er gleichsam zum Menschen: „Schau, ob du in der lebendigen Beziehung zu mir etwas findest, das dein Leben erfüllter, größer und glücklicher macht. Denn was du aus eigener Kraft nicht erreichen kannst, ist dir möglich, wenn du mir folgst.“ So war es von Anfang an. Als die beiden ersten Jünger Jesus fragten: „Wo wohnst du?“, antwortete er: „Kommt und seht!“. Seine Einfachheit ist entwaffnend. Gott vertraut sich dem Urteil der ersten beiden an, die ihm begegnen. Der Mensch wird unvermeidlich alles, was geschieht, stets mit seinen Grundbedürfnissen vergleichen.

Man könnte nun einwenden, zur Zeit Jesu sah man Wunder, aber heute ist die Zeit der Wunder vorbei. Doch dem ist nicht so. Denn diese Erfahrung geht weiter wie am ersten Tag, wenn du etwa Menschen begegnest, die in dir ein solch tiefes Interesse und eine solche Anziehungskraft wecken, dass du unvermeidlich in Betracht ziehst, was dir widerfährt. So sagt der Papst: „Gott zwingt sich nicht auf (...) Sein Dasein ist eine Begegnung, die bis ins Innerste und Tiefste des Menschen hinabreicht“ (Licht der Welt, S. 204).

Vor einigen Jahren ging einer meiner Freunde zum Studium der Arabistik nach Kairo. Dort traf er einen muslimischen Professor. Die Begegnung hätte in der ein oder anderen stereotypen Weise enden können. Aber es geschah etwas Unerwartetes: Sie wurden Freunde. Der Muslim fragte meinen Freund, warum er Christ sei, und dieser lud ihn nach Italien ein, wo er das „Meeting“ von Rimini kennenlernte. Begeistert von der Begegnung mit einer anderen menschlichen Wirklichkeit, wollte er das Meeting von Kairo auf die Beine stellen, indem er viele ägyptische Jugendliche, Muslime wie Christen einbezog.

Vor kurzem lernte ich in Moskau Leute kennen, die bis dahin nichts mit dem Glauben zu tun hatten. Sie entdeckten ihn, indem sie Christen begegneten, die in ihnen eine Neugier weckten. Einige von ihnen waren getaufte Orthodoxe. Sie begannen sich neu für das Christentum zu interessieren – was sie bislang nie getan hatten – dank der Freunde, die den Glauben intensiv und erfüllt lebten.

Das sind keine Geschichten aus der Vergangenheit, sondern etwas, das jetzt geschieht, hier und heute.

Benedikt XVI. rief bei seinem jüngsten Spanienbesuch zu einem Dialog zwischen dem Laizismus und dem Glauben auf. Und wie tat er dies? Er verwies auf eine Gegenwart, einen Zeugen, Gaudì, der mit der Kirche Sagrada Familia in der Lage war, „einen Raum der Schönheit, des Glaubens und der Hoffnung (zu) schaffen, der den Menschen zur Begegnung mit jenem führt, der die Wahrheit und die Schönheit selbst ist“. Der Papst hat alle herausgefordert, indem er den Blick Christi vergegenwärtigte und auf die neue Erfahrung verwies, die Er in das Leben einführt: Jeder kann sich hierfür Interessieren, oder aber es zurückweisen. Wenn Benedikt XVI. uns zur Umkehr aufruft, dann sagt er uns: Um Christus zu bezeugen, um „Lichtschein Christi für die Welt“ zu werden, müssen wir einen menschlichen Weg beschreiten, bis wir schließlich entdecken, dass der Glaube tatsächlich die Antwort auf die Grundbedürfnisse unseres Lebens ist. Ich weiß nicht, ob der Aufruf des Papstes irgendeinen Katholik unberührt lassen kann. Mich jedenfalls nicht.

Danke

Julián Carrón

 

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