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Die Versuchung von Weihnachten

Leitartikel im L'OSSERVATORE ROMANO

Julián Carrón

24. Dez. 2011

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Um unser Menschsein zu beschreiben und in diesem Augenblick der Weltgeschichte angemessen auf uns selbst zu schauen, könnten wir kaum passendere Worte finden als die des Propheten Zefanja: „Jauchze, Israel! Freu dich und frohlocke von ganzem Herzen“. Warum? Was für einen Grund haben wir zu jauchzen, angesichts all dessen, was in der Welt passiert? „Der Herr hat das Urteil gegen dich aufgehoben“. Bei diesen Worten hat mich zunächst einmal die Art und Weise überrascht, wie Gott uns anschaut: Sein Blick sieht Dinge, die wir nicht erkennen könnten, wenn wir nicht an Seinem Blick auf die Wirklichkeit teilhätten. „Der Herr hat das Urteil gegen dich aufgehoben“. Das heißt, deine Bosheit hat nicht das letzte Wort in deinem Leben; dein normaler Blick auf dich selbst ist nicht richtig; der Blick, mit dem du dir ständig Vorwürfe machst, ist nicht wahrhaftig. Der einzig wahre Blick auf dich selbst ist der des Herrn. Daran erkennst du, dass Er mit dir ist: dass Er „das Urteil gegen dich aufgehoben“ hat. Wovor musst du dann noch Angst haben? „Du hast kein Unheil mehr zu fürchten.“ Eine unerschütterliche Positivität herrscht in deinem Leben. Deshalb fährt der Prophet fort: „Fürchte dich nicht, Zion! Lass die Hände nicht sinken.“ Warum? „Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt.“ Es gibt keine andere Quelle der Freude als diese: „Er freut sich und jubelt über dich, er erneuert seine Liebe zu dir, er jubelt über dich und frohlockt“ (Zef 3, 14-17).
Das Evangelium bezeugt, dass diese Aussagen keine leeren Worte sind, sondern sich erfüllt haben. In dem Kind, das Maria in ihrem Schoß trägt, sind diese Worte Fleisch und Blut geworden, wie uns Papst Benedikt XVI. in bewegender Weise erinnert hat: „Das eigentlich Neue des Neuen Testaments sind nicht neue Ideen, sondern die Gestalt Christi selber, der den Gedanken Fleisch und Blut, einen unerhörten Realismus gibt“ (Deus caritas est, 12). Diese Tatsache ist so real im Leben der Welt, dass als Elisabeth den Gruß Mariens hörte, das Kind in ihrem Leib – Johannes – vor Freude hüpfte. Die Worte des Propheten sind keine bloßen Worte mehr, sondern sind Fleisch und Blut geworden, so dass diese Freude zu einer wirklichen, gegenwärtigen Erfahrung wird: Das Kind hüpfte vor Freude in meinem Leib (vgl. Lk, 1, 44).
Fragen wir uns also: Ist das Christentum eine fromme Erinnerung, oder ein Ereignis, das heute genauso geschieht wie vor zweitausend Jahren? Schauen wir auf die vielen Fakten, die sich immer wieder vor unseren Augen abspielen und uns überraschen und erstaunen, angefangen von dem beeindruckenden Faktum, das Papst Benedikt XVI. darstellt, der uns immer wieder aufs Neue „vor Freude hüpfen“ lässt. Unter uns ist Einer, der gewissermaßen das „Kind“ in unserem Schoß, in unserem Innersten und Tiefsten, hüpfen lässt. Diese gegenwärtige Erfahrung bezeugt, dass die Begegnung zwischen Maria und Elisabeth nicht nur eine Tatsache der Vergangenheit, sondern der Anfang einer Geschichte ist, die auch uns erreicht hat und immer wieder erreicht, und zwar genauso: durch Begegnungen, im Fleisch und Blut der vielen Menschen, denen wir auf der Straße begegnen, die uns im Innersten bewegen.
Mit diesen Fakten vor Augen können wir in das Geheimnis dieses Weihnachtsfestes eintreten.
Dann laufen wir nicht Gefahr, es auf eine „fromme Erinnerung“, auf eine sentimentale Andachtsübung zu reduzieren. Die Versuchung besteht oft darin, dass wir nicht sonderlich viel von Weihnachten erwarten. Aber diejenigen, denen die größte vorstellbare Gnade zu Teil wurde, nämlich Ihn wirken zu sehen in den Zeichen und Fakten, die Seine Gegenwart bekunden, können unmöglich Seine Geburt nur als „fromme Erinnerung“ feiern. Es ist uns nicht möglich!
Nicht, weil wir besser wären als all unsere Menschenbrüder, nicht weil wir nicht zerbrechlich wären wie alle, sondern weil wir von unserem Versagen immer wieder freigekauft werden durch die Kraft des Einen, der sich jetzt ereignet und das Urteil gegen uns aufhebt.
Nur mit diesen Fakten vor Augen können wir auf Weihnachten schauen: nicht mit frommer Sehnsucht, nicht mit dem natürlichen Gefühl, das jedes neugeborene Kind in uns hervorruft, sondern kraft einer Erfahrung. Alles andere wäre eine Verkürzung der Geburt Jesu. In dieser realen Erfahrung enthüllt sich wirklich, wer jenes Kind ist: Der Sohn Elisabeths hüpfte vor Freude in ihrem Schoß. Das immer wieder neue Geschehen dieses Ereignisses bewahrt uns davor, Weihnachten zu verkürzen, und lässt es uns freudig feiern, als wäre es das erste Mal.

  LAST UPDATE 13.01.2012 Impressum