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Carrón: CL sollte darauf achten, sich nicht benutzen zu lassen

Julián Carrón wurde durch Aldo Cazzullo interviewed

Corriere della Sera

16. Jänner 2012

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MAILAND — Don Julián Carrón, der im Februar 62 wird, ist der Nachfolger von Luigi Giussani an der Spitze der Bewegung Comunione e Liberazione. Wie einst sein Vorgänger, lebt auch er im Institut Sacro Cuore, mit Blick auf die Ost-Umfahrung von Mailand. Und er hat von ihm den Lehrstuhl für Einführung in die Theologie an der Katholischen Universität geerbt. Seit sieben Jahren leitet er die Bewegung, doch aufgrund seiner legendären Diskretion kennen ihn noch nicht alle. „Ich bin in Estremadura in einer Bauernfamilie aufgewachsen. Meine Eltern haben Kirschen angebaut. 1960 bin ich als Zehnjähriger in Madrid ins Seminar eingetreten. 1975, im Todesjahr Francos, wurde ich zum Priester geweiht.

Wie sind sie Don Giussani begegnet?
Durch Zufall, in Madrid. Zuerst habe ich das Neue an ihm nicht wirklich erkannt. Erst allmählich ist mir das deutlich geworden. Der Unterschied lag nicht so sehr im Gebet, in der Liturgie oder in der Exegese, sondern im gelebten Bewusstsein, dass das Christentum ein Ereignis ist, das den Menschen erfüllt und vollendet. Das zeigte sich besonders in seiner Beziehung mit den Jugendlichen, die er befähigte, in der Wirklichkeit zu stehen. Das habe ich auch an mir selbst erlebt.
Je besser ich Don Giussani kannte, desto mehr sah ich, wie meine Menschlichkeit vertieft und ständig herausgefordert wurde. Und dass sich der Glaube auf das Leben auswirkt. Daher sagte ich zu ihm: „Ich werde dir immer dankbar sein, denn du hast mir einen menschlichen Weg gezeigt.”

Wie sieht heute sein Erbe aus?
Die Wegbegleitung von Don Giussani lebt weiter in unseren Köpfen, vor unseren Augen und in jeder Faser unseres Wesens. Seine Lehre ist ein Schatz, den es noch weiter zu entdecken gilt. Ich kenne keine bessere Erfahrung, um den Herausforderungen des Augenblicks zu begegnen, als die, die er uns hinterlassen hat. CL versucht den Menschen ihre Menschlichkeit zurückzugeben, die jungen Leute wachzurütteln. Wir sind eine erzieherische Gemeinschaft mit vielen jungen Leuten, die die Begegnung mit Christus so fasziniert hat, dass sie ein Risiko eingegangen sind, in neue Länder aufgebrochen, sich auf ganz neue Dinge eingelassen haben, um ihren Weg zu finden.

CL wird oft vorgeworfen, zu weltlich zu sein und sich über die Compagnia delle Opere[CL-nahe Unternehmervereinigung, Anm. d. Übers.] zu sehr in wirtschaftliche Belange einzumischen. Haben Sie da nicht übertrieben? Sind vielleicht Fehler gemacht worden?
Wir gehen immer von der Natur der christlichen Erfahrung aus, und diese hat eben mit allem zu tun. Wer prüfen will, ob der Glaube wirklich in jeder Lebenslage trägt, geht Risiken ein. Es gibt keine Institution, weder die Kirche noch eine Partei, die Fehler von einzelnen Mitgliedern vermeiden kann. Solche Fehler dürfen aber nicht der ganzen Gemeinschaft angelastet werden, das wäre ungerecht. Jeder trägt persönlich die Verantwortung für das, was er tut. Daher sind Verallgemeinerungen unzulässig, ob es sich nun um CL oder sonst eine Institution handelt.

Don Carrón, in Mailand wird CL vorgeworfen, einen Machtapparat aufgebaut zu haben, der jetzt in Skandale verwickelt sei. Was sagen Sie dazu?
Es kann durchaus sein, dass gewisse Leute CL benutzt haben. Die Kirche ruft ständig zu einem Ideal auf, aber jeder lebt dies gemäß seiner eigenen Freiheit und Verantwortung. Aus diesem Grund intervenieren wir nie bei Veröffentlichungen oder Aktionen von Leuten mit politischer Verantwortung. Wir können nicht oft genug betonen: Es gibt keine Kandidaten von CL oder Politiker von CL.

Sind Sie da ganz sicher?
Natürlich. Wir respektieren alle, schauen mit Wohlwollen auf solche, die aus unserer Bewegung hervorgegangen sind und sich aufgrund der Erziehung, die sie bei uns erhalten haben, politisch betätigen. Aber jeder ist für sich selbst verantwortlich. Und wir müssen dabei immer den, wie Giussani es nannte, „unabdingbaren kritischen Abstand“ wahren.

Glauben Sie, dass CL etwas mehr darauf achten sollte, sich nicht benutzen zu lassen?
Ja. Don Giussani hat gesagt: Wir delegieren unsere kulturelle, soziale oder auch politische Präsenz an niemanden. Wir müssen, wie gesagt, stets einen kritischen Abstand wahren, und darauf werde ich nie verzichten. Wir sind eine christliche Gemeinschaft, und keine Partei oder politische Strömung.

Was halten Sie von Formigoni [Präsident der Region Lombardei, Anm. d. Übers.] und dessen langer Amtszeit?
Seine Errungenschaften sind allen ersichtlich. Wenn ein Politiker viermal wiedergewählt wird, hat er wahrscheinlich irgendetwas richtig gemacht. Seine Wähler sind ja nicht alle von nur CL.

Was denken Sie über den Fall San Raffaele [Bestechungs- und Betrugsskandal um ein von einem Priester geführtes Krankenhaus in Mailand, Anm. d. Übers.]?
Den Fall mit all seinen juristischen Implikationen kenne ich nur von außen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es sich trotz allem um eine großartige Institution handelt.

Und über den Abgang Berlusconis?
Auch da fehlen mir die nötigen Instrumente für ein Gesamturteil. Ich sehe an ihm positive Seiten, die gut für Italien waren, aber auch negative. Außerdem ist er ja nicht allein für die jetzige schwierige Situation verantwortlich. Da gibt es viele Faktoren.

Hat sich CL für ihn nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt?
Sich als christliche Gemeinschaft für eine politische Seite auszusprechen, ist falsch. Außer wenn man an einem historischen Scheideweg steht, so dass die kirchliche Autorität selbst glaubt eingreifen zu müssen, und das ist nur äußerst selten der Fall. Ich denke, dass mehr Zurückhaltung angebracht wäre. Als Bewegung müssen wir unserem Wesen treu bleiben, um unseren Beitrag leisten zu können. Viele tun dies schon. Doch das Eine ist, seinen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten, das andere, sich in einer Partei zu engagieren. In den Parteien können nur Einzelpersonen tätig sein.

Sie haben die momentane Wirtschaftskrise als „eine Herausforderung zur Veränderung“ bezeichnet. Was meinen Sie damit?
In einer Krise kann man zwei Dinge tun: Entweder man jammert oder man nimmt die Herausforderung an. Die Krise ist auch eine kulturelle und menschliche Krise. Wir sollten nicht nur unseren Lebensstil hinterfragen, sondern uns zu einer Lebenshaltung erziehen, die uns für den Existenzkampf stark macht. Eliot schrieb: „Wo ist das Leben geblieben, das wir verloren haben, während wir lebten?“ Wir sollten wie das Volk Israels werden, das mitten in den Leiden des Exils Eigeninitiative und Kreativität zeigte.

Sehen Sie eine Rückkehr der Katholiken in die Politik?
Ich war beeindruckt von dem, was der Papst vor zwei Jahren vor dem Päpstlichen Rat für die Laien gesagt hat: „Der Beitrag der Christen ist nur dann wesentlich, wenn das Glaubensverständnis zum Wirklichkeitsverständnis wird.“ Es geht nicht darum, sich auf die richtige Seite zu stellen, sondern um einen Neuanfang. Es freut mich, dass Piero Sansonetti [linker Journalist, Chefredakteur der Tageszeitung Calabria Ora, Anm. d. Übers.] zum Flugblatt von CL über die Krise gesagt hat, es berge „eine starke politische Idee“.

Kann ein CL-Mitglied links wählen?
Das kommt darauf an, was unter links und rechts verstanden wird. Da wären wir wieder dabei, sich auf eine Seite zustellen. Es gibt viele Leute aus dem linken Lager, mit denen man sehr wohl ein Stück des Weges gehen kann. Wenn allerdings ideologische oder parteipolitische Interessen im Vordergrund stehen, ist kein Dialog mehr möglich. Dasselbe gilt auch für die andere Seite. Heute geschehen Dinge, die vor einigen Jahren noch undenkbar waren, wie z.B. die fraktionsübergreifende Gruppe für Subsidiarität im Parlament.

Was halten Sie vom heutigen Mailand?
Mailand ist atemberaubend. Die Stadt ist unglaublich kreativ, aktiv und produktiv. Viele Dinge entstehen hier und blühen auf.

Viele meinen, es sei eine Stadt am Rande des Abgrunds.
Ich nicht. Im Vergleich zu vielen Ländern, die ich bereist habe, sehe ich hier im Volk eine starke Initiativkraft.

In welchen Ländern gibt es CL?
Es gibt uns in 80 Ländern auf allen fünf Kontinenten. Demnächst fliege ich nach New York zu einer Art amerikanischer Ausgabe des Meetings, dann weiter nach Südamerika. Letztes Jahr war ich in Russland und Afrika. Aber in Italien spricht man von CL, als gäbe es die Bewegung nur in Mailand. Immerhin ist sie in Mailand entstanden.

Was wird sich mit Kardinal Scola ändern?
Scola ist ein Geschenk für die Stadt. Mir scheint, als sei nicht nur sein tiefer Glaube, sondern auch sein menschliches und intellektuelles Niveau allseits geachtet. Er ist erst seit wenigen Monaten hier, und schon spricht er mit allen. Er wird zu einer Erneuerung des kirchlichen und damit auch des
sozialen Lebens beitragen.

Denken Sie nicht, dass die Kirche irgendwie an den von allen Italienern geforderten Opfern teilhaben sollte?
Im Bezug auf die Grundsteuer [die jetzt auch für die Kirche gelten soll, Anm. d. Übers.] hat sich Kardinal Bagnasco bereits zum Dialog bereiterklärt. Doch muss man bedenken, wie viel die Kirche im karitativen und erzieherischen Bereich leistet, oft ohne irgendwelche Anerkennung. Die Kirche gibt sehr viel mehr, als sie bekommt.

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