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Die erneuernde Kraft der Erwartung, die uns das Göttliche im Menschen wiederentdecken lässt

Ein Beitrag von Julián Carrón, dem Präsidenten der Fraternität von Comunione e Liberazione, veröffentlicht im Corriere della Sera am 23. Dezember 2012.

Dieser Brief wird auch das Editorial von SPUREN im Jänner 2013 sein.

23.12.2012

Sehr geehrter  Herr Chefredakteur,

wir stehen vor vielerlei Schwierigkeiten, persönlich (Angst um den Arbeitsplatz oder sogar den Verlust desselben, Krankheit, menschliche Schwächen, die existenzielle Unsicherheit) wie gesellschaftlich (die Wirtschaftskrise, soziale Spannungen, die politische Verwirrung, die Ungewissheit auf internationaler Ebene). Diese Schwierigkeiten sind oft so groß, dass sie jede Erwartung als hinfällig erscheinen lassen könnten. Doch gerade in diesen Umständen erweist sich die Wahrheit der uns vertrauten Worte Dantes: "Jeder fühlt ein unbestimmtes Gut, in dem die Seele sich zu ruhen sehnt. Ihm gilt all unser Mühen."

Doch was für eine Aufrichtigkeit verlangt es von jedem von uns, diese Erwartung und diesen Wunsch nach dem Guten anzuerkennen! Das allgemeine Klagen, in das wir selber einstimmen, erschwert uns allerdings diese Anerkennung. In der Tat: "Alles ist einig, uns zu verschweigen, halb als Schande vielleicht und halb als unsägliche Hoffnung" (Rilke). Jeder von uns weiß sehr genau um seinen Beitrag zu diesem "Verschweigen".

Doch wer wird siegen? Jene Seite in uns, die etwas erwartet, oder jene, die zum Verschweigen beiträgt?

Eine erste Antwort gibt uns der italienische Schriftsteller Cesare Pavese, der wie kein anderer diese in jedem Menschen tief verwurzelte Erwartung erfasst hat: "Wie groß ist der Gedanke, dass man uns nichts schuldet. Hat uns je einer etwas versprochen? War­um aber warten wir dann?" In der Tat, weshalb lassen wir selbst in aussichtslosen Situationen diese Erwartung nicht fahren? Weil keine persönliche Niederlage und keine historische Krise diese Erwartung auslöschen kann, die, wenn auch oft unbewusst, jede Faser unseres Seins durchdringt. Denn diese Erwartung bestimmt unser Wesen, so dass sie auch heute "in vielerlei Weisen im Herzen des Menschen" auftaucht (Benedikt XVI.). Selbst wenn wir das Herz vernachlässigen oder verraten, so bleibt es doch voller Erwartung.

Wir können uns diese Erwartung nicht aus dem Leibe reißen. Und nicht zufällig scheint es manchem sogar, als seien wir dazu verdammt.  Doch die wachsten Geister sehen die Verdammung ganz woanders. Pavese erinnert uns in seinem Handwerk des Lebens daran, dass "die Erwartung immerhin noch eine Beschäftigung ist; nichts mehr zu erwarten ist hingegen fürchterlich". Wir alle wissen, was aus dem Leben wird, wenn wir nichts mehr erwarten: Überdruss, der in Verzweiflung und Zynismus endet. Die Erwartung ist die Grundstruktur unseres Seins, das Wesen unseres Ichs.

Doch trotz dieser ursprünglichen Struktur fällt es uns oft schwer zu hoffen. Wie recht hat Charles Péguy, wenn er sagt: "Um zu hoffen, muss man eine große Gnade erhalten haben." Aber welche Gnade kann die Herausforderung aufnehmen und die Hoffnung aufrechterhalten unter allen möglichen Umständen?

Genau auf dieser Ebene kommt uns das Ereignis entgegen, das wir an Weihnachten feiern. Die christliche Botschaft wendet sich als unverhoffte Antwort auf unsere Verletzung an jeden von unser ganz persönlich und stellt eine Herausforderung für jede Skepsis und jedes Misstrauen dar. Um dem Menschen eine Antwort zu geben, die er auch erfahren kann, hat das Unendliche die Gestalt der Endlichkeit angenommen. An Weihnachten wird die ansonsten unüberwindbare Entfernung zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen überwunden.

Aus dieser Sicht bedeutet der Glaube nicht, sich einer Reihe von Geboten zu unterwerfen, eine Lehre zu studieren oder Teil einer Organisation zu sein. Der christliche Glaube ist das Anerkennen der Göttlichkeit, die im Menschlichen gegenwärtig ist, so wie dies für Petrus, Maria Magdalena, die Samariterin oder Zachäus galt. Sie waren ergriffen von dieser Gegenwart, die eine plötzliche Vorahnung auf ein anderes Leben wachrief. Was sie aber im Letzten berührt hat, war nicht, dass Lahme gehen konnten, Aussätzige geheilt wurden oder Blinde wieder sehen konnten. "Das größte Wunder war der Blick, der alles Menschliche bloßlegte, dem man sich nicht entziehen konnte." (Don Giussani)

Die Kirche feiert Weihnachten, damit auch wir die Erfahrung dieser Umarmung machen können, die unser Menschsein ergreift - mein Menschsein und dein Menschsein -, damit sich die Erwartung erfüllt, die in jeder Faser unseres unruhigen Herzens vibriert. Wie vor 2000 Jahren so wird auch heute die Bedeutung der Existenz durch eine menschliche Wirklichkeit gegenwärtig, die man sehen und berühren kann. Sie begegnet uns in einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit, sie erreicht uns mit einer unverwechselbaren Verheißung, einer Hoffnung, an die wir uns halten können, im Leben der Kirche.

Das ist die Gnade, der Beginn einer neuen Welt, deren erster Zeuge Papst Benedikt XVI. ist: "Niemand kann die Wahrheit haben, die Wahrheit hat uns, sie ist etwas Lebendiges! Wir sind nicht ihre Besitzer, sondern wir sind von ihr ergriffen. [...] Gott ist uns so nahe geworden, dass er selbst ein Mensch ist - das muss uns immer wieder neu bestürzen und überraschen!   

Frohe Weihnachten!

Julián Carrón
Präsident der Fraternität von CL

Mailand, 19. Dezember 2012

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