cl Luigi Giussani

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Franziskus zeigt uns, wohin wir den Blick richten müssen

Julián Carrón, Präsident der Fraternität von Comunione e Liberazione

Avvenire / ABC

16. März 2013


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Es ist eine Binsenweisheit in der Informationsgesellschaft, dass sich eine Nachricht abnutzt. Man kann die Aufmerksamkeit nicht über ein gewisses Maß hinaus halten. Schon die eindrucksvolle Geste des Rücktritts von Benedikt XVI. schien einen Großteil jener Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, die auf das Herz des Geheimnisses Christi und seiner Kirche gerichtet ist. Nichtsdestotrotz fokussierte sich, unmittelbar nachdem wir Ratzinger mit einem Lächeln im Gesicht hatten verschwinden sehen, die mediale Aufmerksamkeit auf Rom und die wahlberechtigten Kardinäle. Man kann sich nur schwer der Frage entziehen, was die Gestalt des Nachfolgers Petri an sich hat, dass sie solch eine Aufmerksamkeit und Anziehungskraft hervorruft, die weit über das normale „Maß“ von Medienereignissen hinausgeht.

Während der fast zwei Wochen der Sedisvakanz wurden – teils explizit, teils implizit – viele Vermutungen über das Wesen des Phänomens katholische Kirche angestellt. Es gab Tage, an denen wir eine Neuauflage der Frage erlebten, die Jesus selbst an seine Jünger gerichtet hatte: „Für wen halten die Leute den Menschensohn?“ Auch heute versuchen die Leute, darauf eine Antwort zu finden, man könnte fast sagen eilig, als ginge es um ein Phänomen, dass nach einer Antwort geradezu verlangt. Sie antworten, indem sie die „normalen“ Maßstäbe anlegen, über die jeder verfügt. Die „politischen“ Kriterien, die an das Konklave angelegt wurden, verrieten im Tiefsten die Unfähigkeit, mit einem Phänomen zurechtzukommen, das heute wie gestern für Verwirrung sorgt. Es reicht nicht, dass sich diese Maßstäbe mehrfach in Luft aufgelöst haben (bei Johannes Paul II., bei Benedikt XVI.), damit sie nicht mehr angewandt werden. Es bedarf einer erschöpfenden Erklärung des Phänomens, vor dem wir stehen. Besser gesagt: Diese Erklärung muss sich ereignen.

Jetzt hat sich die katholische Kirche ereignet, und zwar in der tiefen Zwiesprache zwischen Papst Franziskus und der Menge auf dem Petersplatz. Die Tatsache, dass die Menschen warteten, während die Kardinäle im Konklave einen Papst wählten, zeigt, dass das Volk vertraut und gleichzeitig einen Hirten braucht, um den herum eine Einheit erfahrbar wird, die überrascht in einer Welt wie der unseren, die an Spaltung gewöhnt ist. Der weiße Rauch löste eine überschäumende Freude aus, die zumindest bei manchen die Frage aufkommen ließ: „Wie ist es möglich, dass sie sich so freuen, ohne zu wissen, wer gewählt wurde?“ Als sich der Vorhang bewegte, stieg die Spannung und offenbarte den Wunsch der wartenden Menschen, den Hirten kennenzulernen, ihn zu sehen und zu hören. Wie vor fast zweitausend Jahren Aquila und Priszilla, die aus Rom stammten und sich durch Paulus in Korinth bekehrt hatten, Petrus kennenlernen wollten, den Freund von Jesus und ersten Bischof von Rom.

Die erste Geste des Papstes vernahm man schon, bevor man sein Gesicht gesehen hatte: Er hatte beschlossen, sich Franziskus zu nennen. Damit zeigte er schon zu Beginn, was er besonders im Blick haben will. Wie der Arme aus Assisi erklärte der Pontifex, dass er keinen anderen Reichtum als Christus besitzen wolle und keine bessere Weise habe, dies mitzuteilen, als das schlichte Zeugnis seines Lebens. Als er dann vor den Gläubigen erschien und die Kameras aus der ganzen Welt auf ihn gerichtet waren, zeigte der Papst in actu, was am Ursprung der Kirche steht: Er lud die Menge ein, sich im Gebet zu Gott, dem Vater, durch Jesus Christus mit ihm zu vereinen. In diesem Augenblick ereignete sich die Kirche vor unser aller Augen. Wie sein erster Vorgänger, der ungestüme Petrus, bekannte Franziskus: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“ Wie dem ersten Bischof von Rom vertraute ihm Christus vor den Augen seiner Herde die Schlüssel der Kirche an.

Der Glaube, der in der Geste von Papst Franziskus zum Ausdruck kam, als er sein Volk bat, den Segen Gottes für ihn zu erflehen, ist ergreifenderweise der gleiche, mit dem Benedikt XVI. uns überraschte, als er der ganzen Welt deutlich machte, dass die Kirche Christus gehört. Als er sich von den Kardinälen verabschiedete, erinnerte Ratzinger mit einem Zitat von Guardini daran, dass die Kirche „keine erdachte und konstruierte Institution [ist], sondern ein lebendiges Wesen […] Sie lebt durch die Zeit weiter; werdend wie alles Lebendige wird; sich wandelnd […] dennoch im Wesen immer die gleiche und ihr Innerstes ist Christus.“ Und mit Blick auf die Generalaudienz vom Vortag auf dem Petersplatz fuhr er fort: „Das scheint mir auch gestern auf dem Petersplatz unsere Erfahrung gewesen zu sein: zu sehen, dass die Kirche ein lebendiger, vom Heiligen Geist belebter Leib ist und dass sie wirklich aus der Kraft Gottes lebt.“

Auch wir können sagen: „Das haben wir gestern erlebt.“ Und wir sagen es mit Petrus, dessen Gesicht wir nun kennen und der uns einlädt, wie es alle Päpste mit ihrem Volk aus urbe (Stadt) und orbe (Welt) getan haben, einen gemeinsamen Weg zu beginnen.

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