cl Luigi Giussani

Gemeinschaft und Befreiung

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Brief an die Fraternität

Julián Carrón, Präsident der Fraternität von Comunione e Liberazione


Mailand
16.10.2013

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Liebe Freunde,

am Freitag, den 11. Oktober, wurde mir die Gnade zuteil, von Papst Franziskus in Privataudienz empfangen zu werden. Dabei habe ich persönlich erfahren, was wir seit Monaten immer wieder beobachten können, wenn er in der Öffentlichkeit in Erscheinung tritt: wie extrem leicht es ihm fällt, mit einzelnen Personen in Beziehung zu treten, selbst wenn er sich inmitten großer Menschenmengen befindet.
Ich konnte ihm von dem Weg berichten, den wir in den Jahren seit dem Tod von Don Giussani zurückgelegt haben. Dabei hob ich hervor, dass all unsere Bemühungen auf eine persönliche Aneignung des Glaubens abzielen, der einzigen Bedingung, um im Alltag jene Neuheit des Lebens leben zu können, die uns fasziniert hat.
Daraufhin kam der Papst sofort auf sein grundliegendes Anliegen zu sprechen: dass jeder Mensch, in welcher Situation er sich auch befinden mag, von der christlichen Verkündigung, von der Barmherzigkeit und der Zärtlichkeit Christi erreicht werden möge. Er betonte auch, wie wichtig und notwendig das Zeugnis sei, das heißt, wie wichtig und notwendig es ist, auf die anderen zuzugehen. Man dürfe nicht der Versuchung erliegen, sich auf defensive Positionen zurückzuziehen; dann würde man unfähig zu der so dringenden Weitergabe des Glaubens. Er bemerkte auch, dass eine bloße „Restauration“ von Formen der Vergangenheit das Christentum für die Menschen heute nicht aktuell machen könne.

Ich war erstaunt, als ich diese Woche in der Rede des Papstes vor der Vollversammlung des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung von einigen Anliegen des Papstes las, die in unserem Gespräch zutage gekommen waren und die ich euch mitteilen möchte.

1.) Vor allem verdeutlicht Papst Franziskus, was „Neuevangelisierung“ tatsächlich bedeutet, nämlich „in Herz und Geist unserer Zeitgenossen das Leben des Glaubens wieder zu erwecken. Der Glaube ist eine Gabe Gottes. Aber es ist wichtig, dass wir Christen zeigen, dass wir den Glauben konkret leben und zwar in Form der Liebe, der Eintracht, der Freude und des Leidens. Denn dies ruft Fragen hervor, wie am Beginn des Weges der Kirche: Warum leben sie so? Was treibt sie an? Das sind Fragestellungen, die mitten hineinführen in die Verkündigung des Evange liums, welche darin besteht, den Glauben und die Liebe zu bezeugen. Was wir, besonders in dieser Zeit, brauchen, sind glaubwürdige Zeugen, die mit ihrem Leben und auch mit ihrem Wort das Evangelium sichtbar machen, die uns wieder spüren lassen, wie anziehend Jesus Christus ist und die Schönheit Gottes. […] Es braucht Christen, die den Menschen von heute die Barmherzigkeit Gottes und Seine zärtliche Zuneigung für jede Kreatur vor Augen stellen.“

2.) Dann kam er auf einen zweiten Aspekt zu sprechen: „Die Begegnung, das Zugehen auf die anderen. Die Neuevangelisierung besteht in einer neuen Hinwendung zu denen, die den Glauben und den tiefen Sinn des Lebens verloren haben. Diese Dynamik ist Bestandteil der großen Mission Christi, das Leben in die Welt zu bringen, die Liebe des Vaters zur Menschheit. Der Sohn Gottes hielt nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern ist uns entgegen gekommen. Die Kirche ist inmitten dieser Bewegung verortet, jeder Christ ist aufgerufen, den anderen Menschen entgegenzugehen, mit jenen zu sprechen, die anderer Ansicht sind als wir, auch mit den Andersgläubigen und den Nichtgläubigen. Der Christ ist aufgerufen, allen zu begegnen, weil wir alle Geschöpfe Gottes und Gottes Ebenbilder sind. Wir können – ohne Angst und Abstriche an unserer Zugehörigkeit zu machen – allen Menschen entgegengehen.“

3) Am Schluss lud er dazu ein, uns bewusst zu machen, dass „all dies in der Kirche keineswegs dem Zufall oder der Improvisation überlassen bleibt. Es bedarf gemeinsamer Anstrengungen für eine Pastoral, die sich auf das wirklich Wesentliche konzentriert: Jesus Christus. Es nutzt nichts, sich in vielerlei zweitrangige und überflüssige Dingen zu verzetteln. Es kommt vielmehr darauf an, sich auf das Grundlegende zu konzentrieren, die reale Begegnung mit Christus, mit Seiner Barmherzigkeit, mit Seiner Liebe, und darauf, die Brüder so zu lieben, wie Er uns geliebt hat.“ Er treibt uns an, „mutig neue Wege zu beschreiten und nicht zu versteinern! Wir könnten uns fragen: Wie sieht es mit der Pastoral in unseren Diözesen, in unseren Pfarreien aus? Macht sie das Wesentliche sichtbar, nämlich Jesus Christus?“

Ich möchte euch bitten, dass wir die Frage von Papst Franziskus so aufnehmen, als sei sie an uns gerichtet, wir die wir – wie das ganze Leben von Don Giussani bezeugt – ausschließlich entstanden sind, um Antwort gerade auf diese Frage zu sein: Macht jeder von uns, macht jede Gemeinschaft unserer Bewegung „das Wesentliche sichtbar, nämlich Jesus Christus“?

Papst Franziskus hat mir anvertraut, dass er unsere Bewegung Anfang der Neunziger Jahre in Buenos Aires kennengelernt hat. Diese Entdeckung sei für ihn „wie frische Luft“ gewesen. Sie habe auch dazu geführt, dass er oft Texte von Don Giussani gelesen habe, weil er darin das fand, was er für sein Leben als Christ brauchte. Ihr könnt euch vorstellen, wie sehr es mich bewegt hat, das von demjenigen zu hören, der heute der Bischof von Rom ist!

Der Papst ermutigt uns, innerhalb unserer Gemeinschaft unser Charisma zu leben, denn eine Bewegung wie die unsere habe die Aufgabe, auf die aktuellen Nöte der Kirche und Welt zu antworten. Aus der Nähe und Verbundenheit von Papst Franziskus erwächst mir und uns allen, meine Freunde, eine neue Verantwortung vor Gott und der Kirche.

Ich konnte dem Papst noch einiges über uns berichten, beispielsweise über unsere Präsenz in den Universitäten, Schulen und den diversen Lebensund Arbeitsbereichen sowie auch über die vielen Versuche, auf Bedürfnisse, mit denen wir konfrontiert werden, mit karitativen Gesten zu antworten. Aber auch über die Gnade der Berufungen zum Priestertum und zum gottgeweihten Leben in ihren unterschiedlichen Formen. Bevor wir uns verabschiedet haben, bat er mich, für ihn zu beten. Ganz offensichtlich war diese Bitte nicht nur an mich, sondern an die ganze Bewegung gerichtet. Ich ersuche euch daher, seine Bitte ernst zu nehmen und jeden Tag für Papst Franziskus zu beten und Opfer zu bringen, auf dass Gott ihm weiterhin die Gnaden gewähre, die er braucht, um
Seine Kirche zu lenken und zu leiten.
Für jeden einzelnen von uns erbitten wir vom Herrn die Einfachheit, immer Seiner Stimme nachzugehen, die wir mit dem einzigartigen Akzent unseres geliebten Don Giussani vernommen haben und die uns weiterhin ruft mit der Eindringlichkeit eines Papst Franziskus.

Ich umarme Euch alle voller Zuneigung,

Don Julián Carrón

 

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