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Gemeinschaft und Befreiung

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Carrón: Gemeinsam mit dem Papst an die Ränder der menschlichen Existenz

Interview mit Julián Carrón

Avvenire

7.12.2013

 

 

Das Apostolische Schreiben Evangelii gaudium ruft uns zu einer missionarischen Kirche auf.

von Giorgio Paolucci

Vor 60 Jahren schlug Don Giussani im Mailänder Berchet-Gymnasium das Christentum erneut als vernünftige und begeisternde Antwort auf die Bedürfnisse jedes Menschen vor. Nach seinem Tod im Jahr 2005 übernahm Don Julián Carrón die Verantwortung für die Bewegung.

In seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium weist Papst Franziskus der Kirche den Weg für die kommenden Jahre. Don Carrón, sie leiten die Fraternität von CL. Was kann die Bewegung aus dieser Wegweisung lernen?

Sie fordert uns heraus, unsere persönliche Begegnung mit Christus zu erneuern, täglich, ohne Unterlass. Hier liegt der Ursprung der Umkehr zu einer „missionarischen Pastoral“, zu der uns das Dokument aufruft. Franziskus sagt in aller Klarheit, dass die Quelle eines missionarischen Handelns ein Mensch ist, der aus dem dankbaren Gedächtnis an Christus lebt und die vom Evangelium hervorgerufene Freude mitteilen möchte. Er verweist auf den Ursprung und verlangt, dass sich die Verkündigung auf das Wesentliche konzentriert.

Der Papst schreibt, dass das Christentum nicht nur über ein einziges kulturelles Modell verfügt, sondern „es bewahrt voll seine eigene Identität in totaler Treue zur Verkündigung des Evangeliums und zur Tradition der Kirche und trägt auch das Angesicht der vielen Kulturen und Völker, in die es hineingegeben und verwurzelt wird“. Wie vollzieht sich dies in Ihrer Bewegung, die in vielen Ländern Wurzeln geschlagen hat?

Unsere Gemeinschaft ist in 80 Ländern in sehr unterschiedlichen Kontexten präsent. Es sind Freundschaften mit Personen entstanden, die der orthodoxen, anglikanischen, jüdischen, muslimischen oder buddhistischen Tradition angehören. Dies bezeugt, dass man mit dem Herzen eines jeden Menschen, gleich auf welchem Breitengrad er lebt, in einen Dialog treten kann, wenn man auf das Wesentliche setzt. So geschehen bewegende Dinge: Eine afrikanische Frau konnte keine Kinder bekommen, deshalb drängte ihre Schwiegereltern ihren Mann, sie zu verlassen, wie dies die dortige Tradition verlangt. Der Mann aber widerstand dem Druck, weil er sah, wie glücklich sie in der Erfahrung des Lebens der Gemeinschaft von CL war. Er wollte die Freude des Glaubens, die sie ihm bezeugte, nicht missen. Denn sie war größer als ihre Unfähigkeit zur Fortpflanzung. Dies ist nur ein kleines Beispiel dafür, wie das Christentum die ganze Menschlichkeit schätzt und aufwertet.

In dem Schreiben hebt der Papst den Wert der Erfahrung als bevorzugter Weg zur Weitergabe des Glaubens hervor. Auch in der Pädagogik von CL spielt die Erfahrung eine grundlegende Rolle. Von verschiedener Seite, besonders aber aus dem Bereich des Traditionalismus, wird dies als Gefahr kritisiert, da eine Überbetonung der persönlichen Erfahrung den unverrückbaren Bezug zur Lehre verdunkeln könne und somit einen Angriff auf die Wahrheit darstelle. Was halten Sie davon?

Papst Franziskus stellt sich ganz in die Linie seiner Vorgänger Johannes Paul II. und Paul VI., wenn er feststellt: „Der Mensch unserer Zeit glaubt mehr den Zeugen als den Lehrern, mehr der Erfahrung als der Lehre, mehr dem Leben und den Taten als den Theorien“ (Redemptoris Missio 42; vgl. Evangelii Nuntiandi 21, 41, 76). Nur wenn der Mensch erfährt, dass die Glaubenswahrheit den Bedürfnissen seines Lebens standhält, kann er angemessene Gründe finden, um dieser Wahrheit zuzustimmen. Das Christentum lehrt, dass die Wahrheit Fleisch angenommen hat, damit der Mensch sie erfahren und somit die Gründe für eine vollkommen vernünftige Zustimmung finden kann. Dies geschah auch den ersten Jüngern: Johannes und Andreas wussten nicht, wer dieser Mensch war. Aber sie sind ihm gefolgt, aufgrund der menschlichen Entsprechung, die sie in der Begegnung mit ihm entdeckten. Niemand hatte sie zuvor je so angeschaut!

Franziskus betont, dass die kirchlichen Bewegungen ein Reichtum für die Kirche sind, den der Heilige Geist hervorgerufen hat, um alle Bereiche der Gesellschaft zu evangelisieren. Und er fügt hinzu, dass es „sehr nützlich“ sei, wenn sie nicht den Kontakt mit der örtlichen Pfarrei verlieren und „sich gerne in die organische Seelsorge der Teilkirche einfügen“. Wie leben die Mitglieder von CL diese Beziehung, die in der Vergangenheit immer wieder Anlass zu Missverständnissen und Konflikten gegeben hat?

Der Papst ruft uns auf, an die Ränder der Existenz zu gehen, um allen zu begegnen, Gläubigen und Nichtgläubigen, ohne darauf zu warten, dass die Menschen zu uns kommen. Er selbst gibt uns hier für das größte Beispiel, durch seine Worte und das Zeugnis, das er uns gibt. CL ist in verschiedenen Lebensbereichen entstanden – in der Schule, der Universität, bei der Arbeit, im Wohnviertel – und hat sich dort ausgebreitet. Aber die Mitglieder von CL haben die Pfarreien nie gemieden. Allein in der Diözese Mailand gibt es rund 4.000 Mitglieder von CL, die sich auf unterschiedliche Weise engagieren: im Katechismus- Unterricht, im Chor, in Sportvereinen, bei der Hausaufgabenbetreuung oder in anderen Initiativen der Pfarreien. Wenn man also immer noch von einer Gegenposition oder einer Rivalität zwischen CL und der Ortskirche spricht, dann entspricht dies nicht den Tatsachen. Die Aufgabe, zu der der Papst alle ruft, besteht in der Mitarbeit an der einen Sendung der Kirche, nämlich auf alle Menschen zuzugehen, um ihnen die Freude des Evangeliums zu verkünden. Wir alle müssen den Schwerpunkt anders setzen.

Das erste Dokument, das ganz aus der Hand von Papst Franziskus stammt, ist der Evangelisierung gewidmet. Er hat es an dem Tag unterzeichnet, als das von Papst Benedikt XVI. ausgerufene Jahr des Glaubens zu Ende ging. Gibt es also eine Kontinuität zwischen beiden Pontifikaten, obgleich viele sie als sehr unterschiedlich beschreiben?

Was Benedikt und Franziskus verbindet, ist die Leidenschaft für Christus. Der erste hat die Notwendigkeit erkannt, wieder neu vom Ursprung auszugehen, und der zweite hat den Stab aufgenommen und besteht auf der Notwendigkeit der Verkündigung. Beiden ist bewusst, dass der Glaube nicht als etwas Selbstverständliches vorausgesetzt werden kann und dass am Ursprung der Verkündigung die Notwendigkeit der persönlichen Umkehr steht. Franziskus sagt das in aller Klarheit zu Beginn von Evangelii gaudium (N. 7): „Ich werde nicht müde, jene Worte Benedikts XVI. zu wiederholen, die uns zum Zentrum des Evangeliums führen: ‚Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt‘.“ Bei aller Unterschiedlichkeit der Temperamente und der Sensibilität, die selbstverständlich bleibt und stets eine Bereicherung darstellt, wird hier mit aller Klarheit die gemeinsame Absicht deutlich. Aber hätte jemand, der das Leben der Kirche kennt und lebt, je etwas anderes denken können?

 

  LAST UPDATE 15.12.2013 Impressum