cl Luigi Giussani

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„Den Wunden der Menschen nahe sein“

Julián Carrón

Avvenire
it. Tageszeitung

Mailand

2. Okt. 2014

 

 

Carrón: Mit dem Papst in die Randgebiete der Existenz, um in neuen Formen Zeugnis abzulegen für die ewige Neuheit des Christentums
Interview: Giorgio Paolucci

Vor wenigen Tagen hat Julián Carrón die 19.000 Anwesenden beim Eröffnungstag von Comunione e Liberazione (und die 34.000 die seine Ansprache per Satellitenübertragung in vielen Städten Italiens verfolgten) aufgefordert zu beten, „dass die kommende Bischofssynode bei allen Menschen das Bewusstsein für die Heiligkeit und Unantastbarkeit der Familie und ihre Schönheit im Plan Gottes fördere“.   Er lud auch alle ein, sich am Samstag, den 4. Oktober, dem Gebet für die Synode anzuschließen, zu dem Papst Franziskus auf den Petersplatz eingeladen hat. Der Präsident der Fraternität von CL sieht in der  Synode, die in wenigen Tagen im Vatikan eröffnet wird, eine große Gelegenheit, „zum Wesentlichen zurückzukehren, zur Neuheit, die das Christentum in die Welt gebracht hat, um allen ein menschlich lohnenswerteres Leben vorzuschlagen“.

Was ist die Wurzel der derzeitigen Krise von Ehe und Familie?
Wir stehen vor einer Krise, die in erster Linie anthropologischer Natur ist. Noch wichtiger als die Probleme der Beziehung zwischen Mann und Frau ist die Art und Weise, wie jeder Mensch die alte und doch immer neue Frage beantwortet: Wer bin ich? Wenn Verwirrung in Bezug auf das Ich besteht, dann werden auch die zwischenmenschlichen Beziehungen schwierig. In einer authentischen Liebesbeziehung wird der andere als ein dermaßen großes Gut betrachtet, dass er beinahe als etwas Göttliches wahrgenommen wird. Deswegen schreibt Leopardi: „Ein Strahl des Göttlichen erscheinst du mir, o Weib, in deiner Schönheit.“ Die Frau weckt im Mann eine Sehnsucht nach Erfüllung, aber gleichzeitig kann sie dem nicht entsprechen. Sie weckt eine Erwartung, die sie nicht erfüllen kann. Sie verweist auf etwas Größeres, zu dem jeder Mensch geschaffen ist. Pavese fasste dies auf geniale Weise so zusammen: „Was der Mensch in den Lüsten sucht, ist ein Unendliches, und niemand würde je auf die Hoffnung verzichten, diese Unendlichkeit zu erreichen.“ Der andere kann das Versprechen nicht halten, das er weckt. Das ruft Unzufriedenheit und Enttäuschung hervor. Wir sind für etwas Größeres als den anderen geschaffen. Und wenn wir uns dessen nicht bewusst werden, können uns die Schwierigkeiten, die in jeder Beziehung auftauchen, ersticken. Deswegen ist Christus in die Welt gekommen, als echte Antwort auf diese Unfähigkeit des Menschen, die Sehnsucht des anderen zu erfüllen.

Ideale wie die Unauflöslichkeit der Ehe und eine Liebe „für immer“ scheinen einer anderen Epoche anzugehören. Wie können sie wieder zur Erfahrung werden?
Das ist nicht nur ein Problem der heutigen Zeit. Vor 2.000 Jahren, als Jesus sagte: „Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“, antworteten seine Jünger: „Dann ist es nicht gut zu heiraten.“ Daher sollten uns die heutigen Schwierigkeiten nicht überraschen. Auch sie dachten, manche Dinge seien menschlich unmöglich. Christus ist gekommen, um dem Menschen das Unmögliche zu ermöglichen. Deswegen werden die Unauflöslichkeit der Ehe oder die Liebe „für immer“ außerhalb der christlichen Erfahrung als unmöglich empfunden, obwohl sie für zwei Menschen, die sich lieben, eigentlich wünschenswert sind. Im Übrigen hat die Kirche schon beim I. Vatikanischen Konzil gesagt: „Die Gebote des natürlichen Gesetzes werden nicht von allen Menschen klar und unmittelbar wahrgenommen. Damit religiöse und moralische Wahrheiten von allen ohne Schwierigkeit, mit sicherer Gewissheit und ohne Beimischung eines Irrtums erkannt werden können, sind dem sündigen Menschen in seiner jetzigen Verfasstheit Gnade und Offenbarung notwendig.“

Viele heiraten ohne ein angemessenes Bewusstsein für die Bedeutung des Schrittes, den sie da unternehmen. Wie kann man denen helfen?
Wenn sie sich an die Kirche wenden, oft auch aus konfusen und falschen Gründen, dann weil sie merken, dass sie bedürftig sind und es alleine nicht schaffen. Das Problem besteht in der Antwort, die ihnen geboten wird. Man muss ihnen helfen, sich dessen wirklich bewusst zu werden, was sie durch die Tradition oder gesellschaftliche Gepflogenheiten übernommen haben. Die Kirche muss ihnen zeigen, dass es möglich ist, ihre Beziehung auf menschlich lohnenswerte Weise zu leben, und dass es einen Ort gibt, wo sie Antwort auf die Schwierigkeiten, die auftreten können, finden und man sie in ihrem Weg zur Reife unterstützt. Benedikt XVI. sagte: „Vom ersten Sich-Hingezogenfühlen zum anderen, Sich-gegenseitig-Mögen erzieht euch dazu, den anderen ‚gern zu haben‘, das Wohl des anderen zu wollen.“

Geschieht das in der Kirche Ihrer Ansicht nach?
Es gibt viele Orte und Erfahrungen, an denen die Menschen begleitet und unterstützt werden. Dort erfahren sie, dass das, was unpopulär oder gar menschlich unmöglich scheint, doch möglich ist. Papst Franziskus lehrt uns, dass es nicht genügt, richtige Formeln zu wiederholen. Man muss den Wunden der Menschen nahe sein, egal in welchen Umständen sie sich befinden, in welchen Randgebieten sie leben. Wir  müssen die, denen wir begegnen, umarmen, und zwar kraft der Umarmung, die uns durch Christus zuteil geworden ist.

Bei der Synode geht es um Herausforderungen, vor die eine immer säkularisiertere Gesellschaft uns stellt: andere Formen des Zusammenlebens als die Ehe, Homo-Ehe, Geschlechtsumwandlung, und so fort. Und die Massenmedien heizen die Auseinandersetzung zwischen Progressiven und Konservativen in der Kirche noch an. Welches Kriterium sollte man anwenden, wenn man nach dem Evangelium urteilen und handeln will?
Man sollte von der Einsicht ausgehen, dass hinter vielen dieser Forderungen zutiefst menschliche Bedürfnisse stecken: das Bedürfnis nach Liebe, der Wunsch nach Kindern, die Suche nach der eigenen Identität. Auf dieser Ebene sollte man antworten. Es bedarf einer erzieherischen Arbeit, um den Menschen dabei zu helfen, die wahre Natur ihrer Wünsche zu begreifen. Die Lösungen, die ihnen vorgeschlagen werden, sind oft unangemessen, sie entsprechen nicht dem, was sie sich zutiefst wünschen.  Don Giussani sagte, die Lösung der Probleme bestehe nicht darin, dass man sie direkt in Angriff nimmt, sondern man müsse die Natur des Subjektes vertiefen, das sich den Problemen stelle. Und das ist unabhängig davon, ob man eine eher progressive oder konservative Haltung einnimmt. Auch die Samariterin hatte versucht, ihren „Durst“ nach Glück zu stillen, indem sie sechsmal „heiratete“. Aber der Durst war ihr geblieben, so dass sie Jesus bei der Begegnung am Brunnen um „dieses Wasser“ bat, das den Durst für immer stillt. Die Christen können den vielen heutigen Samariterinnen die Fülle des Lebens zeigen, die Christus gebracht hat.

In der Debatte vor der Synode ist wieder die Kontroverse aufgetaucht zwischen denen, die – sich auf den Papst berufend – vor allem für eine Haltung der Barmherzigkeit plädieren, und jenen, die meinen, man müsse vor allem die Wahrheit verteidigen. Was denken Sie dazu?
Franziskus schreibt in Evangelii Gaudium: „Wir können nicht davon ausgehen, dass unsere Gesprächspartner den vollkommenen Hintergrund dessen kennen, was wir sagen, oder dass sie unsere Worte mit dem wesentlichen Kern des Evangeliums verbinden können, der ihnen Sinn, Schönheit und Anziehungskraft verleiht.“ Daher betont er, man solle „neue Formen und Weisen“ suchen, „um in einer verständlichen Sprache die ewige Neuheit des Christentums zu verkünden“. Das hat im Grunde Jesus bei Zachäus getan: Sein barmherziger Blick hat in jenem Mann den Wunsch nach Wahrheit neu geweckt, so dass er sich bekehrte. Daher ist es ein Irrtum, wenn man Barmherzigkeit und Wahrheit in einen Gegensatz bringt.
 

 

 

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