cl Luigi Giussani

Gemeinschaft und Befreiung

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„Der Mensch möge zum religiösen Sinn zurückfinden“

Julián Carrón

Avvenire
it. Tageszeitung

Mailand

19. Okt. 2014

 

 

„Eine sich schnell verändernde Welt erfordert von den Christen die Bereitschaft, Formen und Weisen zu suchen, um in einer verständlichen Sprache die ewige Neuheit des Christentums zu verkünden.“ Diese Worte von Papst Franziskus beschreiben die Haltung von Erzbischof Montini, als er die Leitung der Diözese Mailand übernahm: eine tiefe Aufmerksamkeit für die Lage des Menschen, in dem Bewusstsein, „dass der moderne Mensch seinen religiösen Sinn allmählich verliert“. „Es bedarf wieder einer vernunftgemäßen Aufwertung des religiösen Sinnes“, damit der Glaube eine Antwort auf die Bedürfnisse des Lebens sein kann. In jenen Jahren hatte auch Don Giussani diesen Verlust einer authentischen Religiosität bei den jungen Leuten wahrgenommen. Deshalb verfasste er im Gefolge der Intuition Montinis sein Werk Der religiöse Sinn (1957), um die Vernünftigkeit des Glaubens angesichts aller Herausforderungen der laizistischen Kultur jener Zeit darzulegen.

In seiner ersten Enzyklika Ecclesiam Suam (1964) beschrieb Papst Paul VI., wie man diese Aufgabe erfüllen könne: „Wenn die Kirche ein immer klareres Bewusstsein von sich selbst gewinnt“, dann kann sie „auf die Stimme, ja sogar auf das Herz des Menschen hören; man muss ihn verstehen und, soweit möglich, achten und, wo es sich geziemt, ihm auch Recht geben. (…) Unser Dialog kann uns nicht von der Verpflichtung unserem Glauben gegenüber entbinden“. Von diesen Worten angeregt, schrieb Don Giussani einige Monate später: „Der echte Dialog setzt also eine Öffnung zum anderen voraus. (…) Er setzt aber auch eine Reife in mir voraus, ein kritisches Bewusstsein dessen, was ich bin“.

Don Giussani teilte mit Paul VI. das Gefühl dafür, welche Herausforderung die Lage des Menschen unserer Zeit für die Kirche darstellt, in „einer sich tief verändernden Welt, in der sehr viele Gewissheiten bestritten oder in Frage gestellt werden“. Das sei der Punkt, von dem man ausgehen müsse. Auf die von Papst Benedikt XVI. als „historische Zäsur“ bezeichnete 68er-Bewegung reagierten beide im gleichen Sinne. Don Giussani zitierte gerne und oft einen Satz von Paul VI., der auf diese Umwälzungen mit der demütigen Gewissheit einer Gegenwart reagierte, die die Quelle wahrer Menschlichkeit und Hoffnung ist: „Wo ist das ‚Volk Gottes?‘, von dem man oft gesprochen hat und immer noch spricht? Wo ist diese ‚ethnische Einheit sui generis’? Woraus setzt es sich zusammen? Was sind seine Kennzeichen? Wie ist es organisiert? Wie übt es seine Ideale vorschlagende und stärkende Sendung in die Gesellschaft aus, in der es lebt? Wir wissen wohl, dass das Volk Gottes jetzt und in der Geschichte einen Namen hat, den alle besser kennen: die Kirche.“ (1975)

In seiner Enzyklika Evangelii Nuntiandi (1975) bekräftigt Paul VI., dass die einzig den Fragen des Menschen angemessene Methode der Mission folgende sei: „Die Verkündigung der Frohbotschaft muss vor allem durch ein Zeugnis [der Christen] erfolgen“, die „in den Herzen derer, die ihr Leben sehen, unwiderstehliche Fragen wecken: Warum sind jene so? Warum leben sie auf diese Weise?“ Die Übereinstimmung mit Papst Franziskus ist erstaunlich: „Die Kirche wächst, aber nicht, um Proselytismus zu betreiben: Die Kirche wächst durch Anziehung.“
Don Giussani hat immer dankbar der menschlichen Aufrichtigkeit und des aufgeklärten Führungsstils von Montini, zunächst als Erzbischof und dann als Papst gedacht, der immer das Gute sah, das in der Kirche entstand. Zum Beispiel erlaubte er Don Giussani, seine erzieherische Tätigkeit bei der Mailänder Jugend aufzunehmen. Dann begleitete er die weitere Entwicklung der Bewegung und sagte ihm schließlich am 23. März 1975 auf dem Petersplatz: „Nur Mut, das ist der Weg“. Damit ermutigte er ihn weiterzumachen, wie er es Mitte der 50er Jahre bereits getan hatte.

Aufgrund all dieser Tatsachen können wir unserer Mutter Kirche nur aufrichtig dankbar sein, dass sie die Größe des Zeugnisses von Paul VI. für Christus anerkennt, den Einzigen, dem unser ganzes Menschsein am Herzen liegt.

 

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