cl Luigi Giussani

Gemeinschaft und Befreiung

ÖSTERREICH
AUSTRIA Official Site
  Home <<
"Aus der vollen Gemeinschaft mit Christus entspringt jeder andere Aspekt des Lebens der Kirche"

Erste Predigt seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI.
im Anschluß an der Eucharestiefeier mit den Wahlberechtigten Kardinälen in der Sixtinischen Kapelle

Rom, 20. April 2005

Geschätzte Brüder Kardinäle,
liebe Schwestern und Brüder im Herrn
und ihr alle, Frauen und Männer guten Willens!

1. Gnade und Friede in Fülle sei mit euch allen (vgl. 1 Petr 1,2)! In dieser Stunde ist mein Herz von zwei gegensätzlichen Gefühlen erfüllt: einerseits dem Gefühl der Unzulänglichkeit und der menschlichen Verwirrung angesichts der Verantwortung für die Weltkirche, die mir gestern als Nachfolger des Apostels Petrus an diesem Sitz von Rom anvertraut wurde; andererseits dem Gefühl lebendiger, tiefe Freude gegenüber Gott, der – so lässt uns die Liturgie singen – seine Herde nicht verlässt, sondern sie allezeit hütet, unter der Leitung derjenigen, die er selbst als Stellvertreter seines Sohnes ausgewählt und zu Hirten bestimmt hat (vgl. Präfation von den Aposteln I).

Meine Lieben, diese innige Dankbarkeit für ein Geschenk göttlicher Barmherzigkeit überwiegt trotz allem in meinem Herzen. Und ich betrachte diese Tatsache als besondere Gnade, die mir mein geschätzter Vorgänger, Johannes Paul II., erlangt hat. Es kommt mir so vor, als könnte ich spüren, wie er fest meine Hand drückt, als blickte ich in seine lächelnden Augen und vernähme in diesem besonderen Augenblick seine Worte: "Fürchte dich nicht!"

Der Tod des Heiligen Vaters Johannes Pauls II. und die darauf folgenden Tage sind für die Kirche und die ganze Welt eine außergewöhnliche Gnadenzeit gewesen. Der große Schmerz über sein Ableben und das Gefühl der Leere, die er in allen hinterlassen hat, wurden durch das Wirken des auferstandenen Christus gemildert, das sich während der langen Tage in einer herzliche Welle des Glaubens, der Liebe und der geistigen Solidarität äußerte und in dem festlichen Begräbnis seinen Höhepunkt fand.

Wir können wirklich sagen, dass die Begräbnisfeierlichkeiten für Johannes Paul II. eine außergewöhnliche Erfahrung gewesen sind, in der in gewissem Sinne die Macht Gottes, der über seine Kirche, durch die vereinende Kraft der Wahrheit und der Liebe, aus allen Völkern eine große Familie bilden möchte (vgl. Lumen gentium, 1), wahrgenommen werden konnte. In seiner Todesstunde hat Johannes Paul II., eins geworden mit seinem Herrn und Meister, sein langes und reiches Pontifikat gekrönt, indem er das christliche Volk im Glauben stärkte, es um sich sammelte und so die ganze Menschheitsfamilie spüren ließ, dass sie immer mehr eins ist.

Wie könnte man sich angesichts eines solchen Zeugnisses nicht getragen wissen? Wie sollte man nicht die Ermutigung spüren, die diesem Gnadenereignis entströmt?

2. All meine Voraussicht überraschend hat mich die göttliche Vorsehung durch die Stimmen der geschätzten Kardinäle dazu berufen, diesem großen Papst zu folgen. In dieser Stunde denke ich daran, was im Gebiet von Cäsarea Philippi vor rund 2000 Jahren geschehen ist. Mir ist, als könnte ich die Worte von Simon Petrus hören: "Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!", und die feierliche Bestätigung des Herrn: "Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen … Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben" (Mt 16,15-19).

Du bist der Messias! Du bist Petrus! Es kommt mir vor, als würde ich dieselbe Szene des Evangeliums durchleben: Ich, der Nachfolger von Petrus, wiederhole zitternd die Worte des Fischers aus Galiläa und vernehme voller Erregung das beruhigende Versprechen des göttlichen Meisters. Ich weiß, dass die Last der Verantwortung, die auf meinem armen Rücken lastet, riesengroß ist, aber noch größer ist die göttliche Macht, mit der ich rechnen kann: "Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen." (Mt 16,18). Zum Bischof von Rom erwählt, will der Herr, dass ich sein Stellvertreter sei und der "Fels", auf den sich alle voll Sicherheit stützen können. Ihn bitte ich, er möge sich der Armut meiner Kräfte annehmen, damit ich ein mutiger und treuer Hirte seiner Herde sei und den Eingebungen seines Geistes immer folge.

Wenn ich dieses besondere Amt, das Petrusamt, zum Dienst an der Universalkirche antrete, so im demütigen Überlassen in die Hände der Vorsehung Gottes. Und an erster Stelle überlasse ich mich Christus, dem ich meine vollkommene und vertrauensvolle Hingabe erneuere: "In Te, Domine, speravi; non confundar in aeternum!" ["Auf dich, Herr, habe ich gehofft: In Ewigkeit werde ich nicht zuschanden, Ps 31].

Euch, liebe Kardinäle, bitte ich in voller Dankbarkeit über die Treue, die ihr mir erwiesen habt, darum, mich durch euer Gebet und die beständige, aktive und weise Mitarbeit zu unterstützen. Ich bitte auch alle Brüder im Episkopat, mir mit Gebet und Rat zur Seite zu stehen, damit ich wirklich der "Servus servorum Die" ["Diener der Diener Gottes"] sein kann. Wie Petrus und die anderen Apostel nach dem Willen des Herrn ein einziges Apostelkollegium bildeten, so müssen auch wir, der Nachfolger Petri und die Bischöfe – die Nachfolger der Apostel –, auf dieselbe Weise ganz eins werden, wie es das Konzil stark betonte (vgl. Lumen gentium, 22). Diese kollegiale Gemeinschaft steht in ihrer Verschiedenheit der Rollen und Funktionen des Papstes und der Bischöfe im Dienst der Kirche und der Einheit im Glauben, von der zu einem beträchtlichen Teil die Wirksamkeit der Evangelisierung der modernen Welt abhängt. Auf diesem Pfad, auf dem meine verehrten Vorgänger vorangeschritten sind, möchte also auch ich weitergehen und dabei einzig darum besorgt sein, der ganzen Welt die lebendige Gegenwart Christi zu verkünden.

3. Vor mir steht in besonderer Weise das Zeugnis von Papst Johannes Paul II. Er hinterlässt eine Kirche, die mutiger, freier und jünger ist; eine Kirche, die gemäß seiner Lehre und seinem Beispiel gelassen auf die Vergangenheit blickt und sich nicht vor der Zukunft fürchtet. Mit dem großen Jubiläum ist sie in das neue Jahrtausend eingetreten und hat in den Händen das Evangelium getragen, das über die autorisierte Fassung des Zweiten Vatikanischen Konzils auf die heutige Welt angewandt wird. Gerade dieses Konzil hat Papst Johannes Paul II. als "Kompass" bezeichnet, an dem man sich im riesigen Meer des dritten Jahrtausends orientieren kann (vgl. Apostolisches Schreiben "Novo millennio ineunte", 57-58). Auch in seinem geistliche Testament schreibt er: "Ich bin davon überzeugt, dass noch lange die neuen Generationen aus den Reichtümern schöpfen werden, die dieses Konzil des 20. Jahrhunderts uns angehäuft hat." (17.III.2000).

So will auch ich, wenn ich den Dienst des Nachfolgers Petri antrete, kraftvoll den entschlossenen Willen bekräftigen, im Engagement, das Zweite Vatikanische Konzil zu aktualisieren, fortzufahren und so der Spur meiner Vorgänger in treuer Kontinuität zur zweitausendjährigen Tradition der Kirche zu folgen. Genau in diesem Jahr begehen wir den 40. Jahrestag des Endes der Konzilsversammlung (8. Dezember 1965). Mit den Jahren haben die Konzilsdokumente nichts an ihrer Aktualität eingebüßt; ihre Lehren offenbaren sich besonders passend hinsichtlich der neuen Einrichtungen der Kirche und der gegenwärtigen globalisierten Gesellschaft.

4. Mein Pontifikat beginnt in bedeutungsvoller Weise in einer Zeit, in der die Kirche ein besonderes Jahr durchlebt, das der Eucharistie gewidmet ist. Wie sollte man in diesem providentiellen Zusammentreffen nicht ein Element erkennen, das das Amt kennzeichnen soll, zu dem ich berufen worden bin? Die Eucharistie, das Herz des christlichen Lebens und die Quelle des Evangelisierungsauftrags der Kirche, muss das immerwährende Zentrum und die Quelle des Petrusdienstes sein, der mir anvertraut worden ist.

Die Eucharistie vergegenwärtigt ohne Unterlass den auferstandenen Christus, der nicht aufhört, sich an uns zu verschenken und uns einzuladen, am Mahl seines Leibes und seines Blutes teilzunehmen. Aus der vollen Gemeinschaft mit ihm entspringt jeder andere Aspekt des Lebens der Kirche, an erster Stelle die Gemeinschaft unter allen Gläubigen, das Bemühen, das Evangelium zu verkünden und es zu bezeugen, und die Leidenschaft der Liebe zu allen, insbesondere zu den Armen und Kleinen.

Deshalb soll in diesem Jahr das Hochfest Corpus Domini (Frohnleichnam) besonders feierlich begangen werden. Die Eucharistie wird dann, im August, auch im Mittelpunkt des Weltjugendtags in Köln stehen und im Oktober bei der Ordentlichen Versammlung der Bischofssynode zum Thema: "Die Eucharistie als Quelle und Gipfel des Lebens und der Sendung der Kirche". Ich bitte alle, die Liebe und die Frömmigkeit zu Jesus in der Eucharistie in den kommenden Monaten zu intensivieren und auf mutige und klare Weise den Glauben an die reale Gegenwart des Herrn zum Ausdruck zu bringen, insbesondere durch die Festlichkeit und die Richtigkeit der liturgischen Feiern.

Besonders die Priester bitte ich darum, an die ich in diesem Augenblick voller Zuneigung denke. Das Amtspriestertum ist im Cenaculum zusammen mit der Eucharistie entstanden, wie mein verehrter Vorgänger Johannes Paul II. so oft betont hat: "Wenn die ganze Kirche aus der Eucharistie lebt, muss das Leben des Priesters in besonderer Weise eine 'eucharistische Gestalt' haben", schreibt er in seinem letzten Brief zum Gründonnerstag (1). Dazu trägt vor allem die tägliche andächtige Feier der Heiligen Messe bei, die Mittelpunkt des Lebens und der Sendung jedes Priesters ist.

5. Von der Eucharistie genährt und gestärkt, können die Katholiken nicht anders, als sich nach jener vollen Einheit zu sehnen, die Christus im Cenaculum glühend herbeigesehnt hat. Der Nachfolger Petri weiß, dass er sich dieses höchste Anliegen des göttlichen Meisters ganz besonders zur Aufgabe machen muss. Denn in der Tat ist ihm die Aufgabe anvertraut, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32).

Zu Beginn seines Dienstes in der Kirche von Rom, den Petrus mit seinem Blut benetzt hat, übernimmt sein jetziger Nachfolger in vollem Bewusstsein die vorrangige Aufgabe, an der Errichtung der vollen und sichtbaren Einheit aller Jünger Christi zu arbeiten, ohne dabei Kräfte zu sparen. Das sind sein Bestreben und seine dringende Pflicht. Er ist sich dessen bewusst, dass es damit, guten Willen zu zeigen, nicht getan ist, vielmehr sind konkrete Gesten notwendig, die in die Seelen eindringen, die Gewissen anrühren und so jeden zu jener inneren Bekehrung anleiten, die die Voraussetzung für jeden Fortschritt auf dem Weg der Ökumene ist.

Der theologische Dialog ist notwendig und die Vertiefung der historischen Beweggründe für die gefällten Entscheidungen der Vergangenheit ist ebenso unentbehrlich. Was aber am allermeisten Not tut, ist die "Reinigung des Gewissens", von der Johannes Paul II. so oft gesprochen hat, denn nur sie kann die Gemüter darauf vorbereiten, die volle Wahrheit Christi aufzunehmen. Und vor ihn, den höchsten Richter allen Lebens, muss sich jeder von uns hinstellen. Er muss sich der Verpflichtung bewusst sein, ihm eines Tages Rechenschaft abzulegen über das, was er getan oder unterlassen hat im Hinblick auf das große Gut der vollen und sichtbaren Einheit aller seiner Jünger.

Der jetzige Nachfolger Petri lässt sich in erster Person von dieser Anforderung ansprechen und ist dazu bereit, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um die fundamentale Angelegenheit der Ökumene zu fördern. Der Spur seiner Vorgänger folgend ist er vollkommen entschlossen, jede Initiative zu betreiben, die geeignet zu sein scheint, um die Kontakte und das Einverständnis mit den Vertretern der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zu fördern. An sie richtet er bei dieser Gelegenheit den herzlichsten Gruß in Christus, dem einen Herrn aller.

6. An dieser Stelle kehre ich zu der unvergesslichen Erfahrung zurück, die wir alle beim Tod und Begräbnis unseres betrauerten Johannes Pauls II. erlebt haben. Um seine sterblichen Überreste, die auf der nackten Erde zu liegen kamen, versammelten sich die Führer der Nationen, Menschen aus allen sozialen Schichten und vor allem die Jugendlichen – in einer unvergesslichen Umarmung von Zuneigung und Bewunderung. Die ganze Welt hat voller Vertrauen auf ihn geschaut. Viele hatten den Eindruck, dass diese intensive Teilnahme, die über die Kommunikationsmittel bis zu den Enden der Erde verbreitet wurde, sich wie ein gemeinsames Bittgesuch um Hilfe an den Papst richtete, vorgebracht von der heutigen Menschheit, die sich, von Unsicherheiten und Ängsten geplagt, Gedanken über ihre Zukunft macht.

Die Kirche von heute muss in sich selbst das Bewusstsein für die Aufgabe neu entfachen, der Welt die Stimme dessen zu bringen, der gesagt hat: "Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben. " (Joh 8,12). Beim Antritt seines Dienstes weiß der neue Papst, dass es seine Aufgabe ist, das Licht Christi vor den Männern und Frauen von heute zum Strahlen zu bringen.

Es ist nicht das eigene Licht, sondern das Licht Christi. In diesem Bewusstsein wende ich mich an alle. Auch an diejenigen, die anderen Religionen folgen oder die einfach eine Antwort auf die wesentlichen Fragen des Lebens suchen und sie noch nicht gefunden haben. An sie alle richte ich mich in Einfachheit und voller Zuneigung, um zu versichern, dass die Kirche damit fortfahren will, mit ihnen einen offenen und ehrlichen Dialog zu führen, auf der Suche nach dem wahren Gut für Mensch und Gesellschaft.

Ich erbitte von Gott die Einheit und den Frieden für die Menschheitsfamilie und erkläre die Bereitschaft aller Katholiken, an einer authentischen gesellschaftlichen Entwicklung, die die Würde jedes Menschen respektiert, mitzuarbeiten.

Ich werde keine Kräfte und Bemühungen scheuen, um den viel versprechenden Dialog mit den verschiedenen Kulturen fortzusetzen, den meine verehrten Vorgänger eingeleitet haben, denn aus dem gegenseitigen Verständnis erwachsen die Voraussetzungen für eine bessere Zukunft für alle.

Vor allem denke ich an die Jugendlichen. An sie, diese bevorzugten Gesprächspartner von Papst Johannes Paul II., ergeht meine herzlichste Umarmung, und ich hoffe, sie, wenn es Gott gefällt, in Köln anlässlich des nächsten Weltjugendtags treffen zu können. Mit euch, liebe Jugendliche, Zukunft und Hoffnung der Kirche und der ganzen Menschheit, werde ich weiter im Gespräch bleiben, indem ich auf eure Erwartungen höre und euch helfen möchte, dem lebendigen Christus, der für immer jung bleibt, in einer immer größeren Tiefe zu begegnen.

7. "Mane nobiscum, Domine!" Bleibe bei uns, Herr! Diese Anrufung, die das vorherrschende Thema des Apostolischen Schreibens von Johannes Paul II. über das Jahr der Eucharistie bildet, ist das Gebet, dass spontan aus meinem Herzen fließt, während ich dabei bin, den Dienst anzutreten, zu dem mich Christus berufen hat. Wie Petrus erneuere auch ich ihm gegenüber mein bedingungsloses Versprechen der Treue. Ihm allein will ich dienen, indem ich mich ganz dem Dienst an seiner Kirche widme.

Zur Unterstützung dieses Versprechens rufe ich die mütterliche Fürsprache der heiligsten Jungfrau Maria an, in deren Hände ich meine Gegenwart und Zukunft und die der Kirche lege. Mit ihrer Fürsprache mögen auch die heiligen Apostel Petrus und Paulus und alle Heiligen für mich eintreten.

Mit diesen Gefühlen erteile ich euch, verehrte Brüder Kardinäle, und allen, die an diesem Ritus teilgenommen haben, und auch denjenigen, die über Fernsehen und Radio mit uns verbunden sind, einen besonderen, liebevollen Segen.

[Übersetzung des lateinischen, vom Heiligen Stuhl veröffentlichten Originals durch ZENIT]

  LAST UPDATE 21.04.2005 Impressum