cl Luigi Giussani

Gemeinschaft und Befreiung

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Vorwort zum Buch "Der Weg zur Wahrheit ist eine Erfahrung"

von Kardinal Christoph Schönborn

Das Buch Der Weg zur Wahrheit ist eine Erfahrung umfasst die ersten drei Schriften von Monsignore Luigi Giussani. Sie gehen auf den Beginn der Bewegung von Comunione e Liberazione zurück (die Imprimatur stammt jeweils aus den Jahren 1959, 1960 und 1964). In ihnen erfahren wir etwas von der Entstehung dieser Erfahrung christlichen Lebens und es kommt in nucleo die Inspiration dieses Jugendapostolats zum Ausdruck, das sich vor allem an die studierende Jugend richtet. Diese ist in ihrer Suche nach einem letzten Sinn der menschlichen Existenz größtenteils ohne Kompass und ohne Leitung. Das Ziel der Bewegung besteht darin, die Jugendlichen zur Begegnung mit Christus zu führen und sie zu einem bewussten und verantwortlichen christlichen Leben zu erziehen. Es soll erreicht werden durch die gemeinsame Erfahrung des christlichen Lebens in der Gemeinschaft. Das Instrument hierfür ist der Dialog im Respekt vor der Person und ihrer Freiheit sowie vor der universalen und personalen Berufung durch Gott. Allein Jesus Christus, der menschgewordene Logos, verleiht allem den letzten Sinn, der nämlich ER selbst ist. ER ist Anfang und Ende, Einheit und Harmonie von allem, des Kosmos und des ganzen menschlichen Lebens. Aus Christus, der in seiner Kirche gegenwärtig ist, aus dem christlichen Faktum erwächst durch göttliche Initiative die alles umfassende, die christliche Kultur. Für die Menschheit gibt es keine andere Einheit als die Einheit in Christus. Jesus Christus lässt seine Jünger teilhaben an seiner Lebensweise, an seiner moralischen und geistigen Haltung. Die Gabe seines Geistes eint sie als Kinder Gottes in dem einen Leib Christi.

Das „Neue“ an den Intuitionen Don Giussanis, die die Jugendlichen seit Anfang der fünfziger Jahre beeindruckten, war nichts anderes als die einfache Wiederaufnahme der Tradition. Dieses Thema der Tradition war Don Giussani in letzter Zeit besonders wichtig. In einem Interview beschreibt er an einer wichtigen Stelle die Katholiken als jene, die „den wesentlichen Beitrag der Tradition darin sehen, das letzte Ziel der gesamten Geschichte in der Sichtbarwerdung der menschlichen Herrlichkeit Christi in der Geschichte selbst zu erkennen. Dies lässt sich allerdings nicht verwirklichen durch das Streben nach einer kulturellen Vorherrschaft um jeden Preis, sondern durch die unergründliche Macht Gottes“[1]. Verfolgung und Hass durch die kulturelle Welt und durch die Macht verstärken sich, so Don Giussani, nur angesichts der „klaren Darlegung der Tradition“ und nicht angesichts so vieler Initiativen oder Stellungnahmen, die allenfalls das Etikett „religiös“ tragen.

Die erste Schrift Betrachtungen über eine Erfahrung erinnert an die Tatsache, dass die christliche Verkündigung das Wesentliche des Glaubens ausdrücken und verteidigen muss und dass die Freiheit die große und wunderbare Bedingung für die Zustimmung zur Wahrheit des christlichen „Faktums“ ist. Gott ruft jeden beim Namen. Er spricht zum Herzen eines jeden, so wie nur Er es kennt. Es widerspricht der Natur dieses Rufs Gottes ebenso wie der Natur der menschlichen Freiheit, sich mechanischen Automatismen anzuvertrauen oder das Geheimnis der Freiheit des Menschen zu erzwingen.

In der zweiten Schrift Spuren christlicher Erfahrung geht es um die Dynamik der Begegnung. Der dort beschriebene Ausgangspunkt wird als das Problem des Menschen definiert. „Wir haben das Bedürfnis, da zu sein und intensiv zu leben“ (»Der Ansatz der Frage nach dem Menschsein«). Die Begegnung mit Jesus, die an den Jüngern geschah – besonders die Begegnung Jesu mit den ersten beiden Jüngern –, ist die historische Begegnung, die Licht in das Dunkel der menschlichen Erfahrung bringt (»Begegnung mit Christus«). Der Gegenstand des Gedächtnisses Jesu Christi ist der Heilige Geist (»Die Gabe des Heiligen Geistes«). Der Heilige Geist ermöglicht auch heute die Begegnung mit Jesus Christus und das Gedächtnis an Ihn. Der Geist macht die Kirche zum mystischen Leib Christi, zu dem Ort, wo Wunder geschehen und man den Heiligen begegnet. Wenn dieses Geheimnis („Ohne mich könnt ihr nichts tun“) für den Glaubenden nicht zentral bleibt, dann erlebt er die Kirche schließlich als Problem. Sie wird zu etwas, das man mühevoll aufbauen muss, das man errichten und den vielen Machtsubjekten in der Welt entgegenstellen muss. So wird der Versuch, die christliche Vorherrschaft durchzusetzen, schließlich immer aussichtsloser.

Die dritte Schrift Hinweise zur Methode christlicher Erfahrung beschreibt das Aufblühen des Christentums in der Welt – und zwar nicht als Frucht unserer Kultur, sondern als Geste der Macht Gottes. „Diese Macht Gottes offenbart sich in Geschehnissen, in Ereignissen, die innerhalb der Welt eine neue und lebendige Wirklichkeit begründen. Sie offenbart sich durch eine außergewöhnliche und unvorhersehbare Geschichte innerhalb der Geschichte der Menschen und der Dinge. Die christliche Wirklichkeit ist das Geheimnis Gottes, das in die Geschichte der Menschen eingetreten ist.“ (»Eine Vorbemerkung zur Methode«) Das Christentum entsteht nicht als automatische Entwicklung des religiösen Sinnes. Die Bedürfnisse des menschlichen Herzens würden verkrampft bleiben oder verkümmern, wenn sie sich selbst überlassen blieben. Sie werden nur durch eine Begegnung mit jener menschlichen Wirklichkeit aufgerichtet, in der das göttliche Geheimnis erstrahlt. Das Wort „Begegnung“, so schreibt Giussani, „schließt in erster Linie etwas Unvorhergesehenes und Überraschendes ein“: Der unerwartete Zusammenprall mit einer Wirklichkeit „erreicht uns von außerhalb unserer selbst“.

Diese immer wieder neue, immer überraschende Begegnung ist jene mit Christus. Die Gemeinschaft mit Ihm befreit uns und gibt uns das wirkliche Wir, als Personen und als Gemeinschaft. Und so lässt uns Christus in Sein Reich eintreten.

Christoph Kardinal Schönborn

Erzbischof von Wien

Wien, 29. April 1996

am Fest der heiligen Katherina von Siena


[1]Vgl. 30 Tage, 2/1996, S. 33.
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