cl Luigi Giussani

Gemeinschaft und Befreiung

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Die drei Dimensionen der Erfahrung: Kultur, Nächstenliebe, Mission

Kultur: Verifizierung der Erfahrung: politisches Handeln, Ökumene

"Ein Glaube, der nicht zur Kultur wird", sagt Johannes Paul II. im Jahr 1982, "ist ein Glaube, der nicht vollständig angenommen, nicht voll durchdacht und nicht treu gelebt wird."1)

In Übereinstimmung mit diesen Worten war zuerst das Leben von GS und später das von CL immer von schöpferischer kultureller Tätigkeit gekennzeichnet. Diese Lebhaftigkeit beruht jedoch nicht auf einem Verständnis von Kultur als intellektueller Beschäftigung oder als theoretischer Vertiefung religiöser oder mit dem christlichen Leben verbundener Themen. Im Gegenteil, die kulturelle Lebendigkeit von CL entsteht aus der Leidenschaft zu verifizieren, inwiefern der christliche Glaube ein fruchtbares und umfassendes Kriterium bietet, um die Wirklichkeit und die Vorgänge zu verstehen. Diese Lebendigkeit äußert sich in unzähligen Initiativen, die nicht nur vom Gründer, sondern auch von den Mitgliedern in Eigenverantwortung ergriffen werden. Der Rat des heiligen Paulus: "Prüft alles, und behaltet das Gute", ist und bleibt für CL die beste Definition für die kulturelle Arbeit. Man kann in der Tat allen und allem begegnen, wenn man als Kriterium die Klarheit über das Wesen des Menschen vor Augen hat, die die christliche Offenbarung ermöglicht. Aufgrund dieses Kriteriums ist es möglich, von allem das Wahre und Gute zu behalten und zu schätzen.

Die kulturelle Arbeit fällt also in eins mit einem kritischen und systematischen Bewusstsein der Wirklichkeit, das aus einer gelebten Erfahrung entsteht. Sie besteht daher nicht in der Anwendung eines religiösen Schemas zum Verständnis von Vorgängen oder Problemen.

In einer kulturellen und schulischen Umgebung, die heute wie damals das christliche Faktum als Hypothese zum Verständnis der Wirklichkeit tendentiell ausschließt, haben die Jugendlichen von Don Giussani von Anfang an mit Versammlungen, Schülerzeitungen und den sogenannten "Thesenpapieren" zu Unterrichtsinhalten oder aktuellen gesellschaftlichen Themen öffentlich Stellung genommen und sich "eingemischt". Bei dieser Arbeit wurden Autoren, Texte und Fragen wiederentdeckt und vorgeschlagen, die von der vorherrschenden kulturellen Mentalität verdrängt oder vernachlässigt wurden und werden.

Aus dieser "Schule" sind Personen und Gruppen hervorgegangen, die in eigener Verantwortung kulturelle Werke auf nationaler und internationaler Ebene sowie unzählige große und kleine Initiativen ins Leben gerufen oder an ihnen mitgearbeitet haben: Werke und Initiativen, in denen die Freude an der Begegnung auch mit andersartigen Erfahrungen ebenso lebt wie die Leidenschaft, das Proprium des christlichen Ereignisses mitzuteilen.

So wurden in Italien und nicht nur dort, Hunderte von Kulturzentren und Dutzende freier Schulen eröffnet, wobei der Anstoß dazu oft von Elterngruppen ausging. Es wurden Verlage gegründet, journalistische Initiativen sowie akademische Institute und Stiftungen ins Leben gerufen oder internationale Tagungen organisiert. Ein bezeichnendes Beispiel hierfür ist das "Meeting für die Freundschaft unter den Völkern", das alljährlich im italienischen Badeort Rimini stattfindet. Bei all diesen Aktivitäten, in die auch international bekannte Persönlichkeiten einbezogen werden, geht es um eine konstruktive Auseinandersetzung mit den brennenden Fragen der Gegenwart.

Dies alles hat zu Sympathien und Antipathien gegenüber der Bewegung geführt. Abgesehen von der unvermeidlichen Vorläufigkeit, die eine solche Arbeit mit sich bringt, ist dies in dem Maße der Fall, wie bei den Außenstehenden die Schwierigkeit, wenn nicht die Ablehnung besteht, anzuerkennen, dass die christliche Identität ein neuartiges Urteil über die Kultur und die Gesellschaft in sich birgt. Nicht zuletzt in katholischen Kreisen sehen viele den Glauben als eine Angelegenheit an, die sich mit Fragen jenseits der konkreten Wirklichkeit beschäftigt, und nicht als einen Faktor, der in der Geschichte und Kultur wirksam ist. Ihnen wäre es lieber, wenn sich die christliche Gemeinschaft auf den kirchlichen Binnenraum beschränken würde.

Die Politik

In einer engagierten christlichen Erfahrung geht in natürlicher Weise aus der kulturellen die politische Dimension hervor. Das politische Handeln stellt nach Auffassung von CL einen Bereich dar, in dem der Christ berufen ist, mit Verantwortung und Selbstlosigkeit das einheitliche Kriterium zu verifizieren, das seine Existenz angesichts der Probleme bewegt, die das Leben der Gesellschaft und der Institutionen aufwerfen. Deshalb ist es kein Zufall, dass aus den Reihen von CL Persönlichkeiten hervorgegangen sind, die auf verschiedenen Ebenen unmittelbar und eigenverantwortlich politisch engagiert sind.

Kultur, das heißt Ökumene

Im Sprachgebrauch derersten Christen, bezeichnete man mit "Oikoumene" die Welt, insofern sie Gegenstand der eigenen Mission war. Entsprechend stimmt das Verständnis von Kultur bei CL letztlich mit dem authentischen Sinn des Begriffs Ökumene überein. Er ist nicht die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner unterschiedlicher Erfahrungen, um eine Toleranz zu rechtfertigen, die de facto einem Mangel an gegenseitiger Liebe gleichkommt. Ökumene als die wahre Bedeutung von Kultur bezeichnet die Fähigkeit, auch die entfernteste und unterschiedlichste Erfahrung zu umarmen. Dies ist möglich, weil man aus Gnade und nicht aus eigenem Verdienst der Wahrheit begegnet ist. Dank dieser Begegnung ist man in der Lage, auch den kleinsten Anschein der Wahrheit zu würdigen.

Caritas: Ungeschuldetheit als Gesetz, das Werk der Liebe

Seit 1958 schlägt GS die sogenannte "Werk der Liebe" (Caritativa) vor. Damals begaben sich Hunderte von Jugendlichen in die "Bassa", ein Armenviertel am Stadtrand von Mailand, in dem es praktisch noch keine Sozialeinrichtungen gab. Die Jugendlichen verbrachten einige Stunden mit den Kindern: Sie spielten mit ihnen und organisierten in Absprache mit den dortigen Pfarreien Nachhilfe- und Katechismusunterricht. Außerdem versuchten sie, den Familien in ihren Bedürfnissen zu helfen.

Der Vorschlag der "Caritativa", der seither Zehntausende von Jugendlichen und Erwachsenen dazu bewegt hat, alte Leute und Kranke zu besuchen oder sich beim caritativen Einsatz für Arme oder vom Unglück heimgesuchte Bevölkerungen zu beteiligen, wurde stets klar begründet. Es geht nicht um Philanthropie oder die Anmaßung, mit derartigen Initiativen die vielseitigen und oft schwierigen Bedürfnisse erschöpfend zu befriedigen, sondern darum, durch die Treue zu einer beispielhaften Geste zu lernen, dass das größte Gesetz der Existenz die Liebe (caritas), die Ungeschuldetheit ist. Gegen jede Haltung eines egoistischen Besitzanspruchs hat das Christentum einen ungeschuldeten Umgang mit allen Dingen in die Welt eingeführt.

Die Ungeschuldetheit ist das Gesetz des Seins. Will der Mensch seinem Wesen entsprechen, so ist er dazu aufgerufen, nach Gottes Bild und Gleichnis zu handeln. Die Ungeschuldetheit, Höhepunkt jeglicher moralischen Askese, bezeichnet somit nicht mehr eine unerreichbare Tugend, sondern etwas, dem Raum gegeben werden soll, eine "kleine" Gewohnheit, die fähig ist, eine schöpferische Unruhe und eine Veränderung in allen Aspekten des Lebens hervorzubringen.

Mission: ein katholisches Zeugnis

Mit dem Begriff "Mission" wird der tiefste Inhalt des Wortes "Katholizität" betont. Diese Dimension der Katholizität, das heißt die Gültigkeit des Vorschlags für den Menschen an jedem Ort, zu jeder Zeit und unter jedem Umstand, ist ein wesentlicher Bestandteil der christlichen Erziehung.

Die Erfahrung von GS war stets von dieser "Leidenschaft" geprägt. Die Jugendlichen wurden zur Mission erzogen, nicht zuletzt durch das Interesse für Missionare, die in fernen Orten unter schwierigen Bedingungen tätig waren. CL hat auch stets an der Missionsarbeit bedeutender Persönlichkeiten oder religiöser Einrichtungen und Orden mitgearbeitet (z.B. mit Marcello Candia, Monsignor Pirovano, Peter Werenfried van Straaten, Mutter Theresa, den Ordensleuten des Päpstlichen Instituts für die Auslandsmission oder den Komboni-Missionaren in Afrika). Entscheidend war der Vorschlag, der im Jahr 1962 - wohl zum ersten Mal in der Geschichte der Kirche - Gymnasiasten von CL gemacht wurde, im brasilianischen Belo Horizonte eine Missionstätigkeit voll und eigenverantwortlich zu übernehmen. Die Bedeutung der Mission in Brasilien geht damit weit über die Tatsache hinaus, dass diese Zwanzigjährigen als erste die Erfahrung der Bewegung nach Lateinamerika brachten. Diese Initiative machte deutlich, dass kein Unterschied zwischen der Einladung zum Seminar der Gemeinschaft, eines Kollegen zu einer Initiative der Weggemeinschaft und der tätigen christlichen Verkündigung besteht, die viele Missionare, inzwischen auch von CL, in schwierigen Gebieten Afrikas, Asiens und Amerikas ausführen. Es ist die gleiche universale Sendung der Kirche, die gleiche Verkündigung.

Die Mission in der eigenen Umgebung, das Zeugnis, zu dem die Bewegung aufruft, wird vor allem als Verfügbarkeit gegenüber dem Wirken Christi verstanden und nicht als besondere Fähigkeit zur Initiative oder gar als Mitteilungsstrategie. Die Mission in der eigenen Umgebung entsteht nicht aus einer Absicht oder aus einem vorgeführten Können, sondern durch die Einfachheit, mit der man mit seiner ganzen Person der Anziehungskraft des christlichen Faktums Folge leistet. In diesem Sinn stimmt die Mission mit der Präsenz überein. Im Zeugnis einer veränderten Person und eines Gemeinschaftslebens weist sich die Neuheit des christlichen Faktums aus.

Deshalb hat CL die Mission auch nie als Sorge um die eigene Verbreitung gesehen. Sie ist vielmehr Dienst an der Mission der Kirche und Möglichkeit, überall dort, wo sich Mitglieder von CL befinden, der christlichen Erfahrung zu begegnen: in der Schule, an der Universität oder am Arbeitsplatz.

 

Dieser Text wurde aus dem Buch Comunione e Liberazione - Eine Bewegung in der Kirche entnommen.

>> <weitere Informationen>

 

1) Johannes Paul II. beim Kongress der kirchlichen Bewegung zur Förderung der Kultur, 16.1.1982, in: La traccia, 1982, 55.

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