cl Luigi Giussani

Gemeinschaft und Befreiung

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Der Glaube ist uns gegeben, um ihn weiterzugeben

Den folgenden Beitrag verfasste Luigi Giussani, für die 19. Vollversammlung des Päpstlichen Laienrates zum Thema: „Das authentische Antlitz der Pfarrei wiederentdecken“, Rom, 24.-28. November 2004.

Luigi Giussani

24/11/2004

Spuren Jänner 2005  

Der Glaube ist uns gegeben, um ihn weiterzugeben.

Kann sich der Mensch selbst retten? Auf diese Frage gibt Christus Antwort. Er sagt: Nein, der Mensch kann sich nicht selbst erlösen. Doch zugleich gibt Christus eine Antwort auf das tiefste Bedürfnis eines jeden Menschen, auf das Bedürfnis, das eigene Heil zu erlangen. Er tut dies, indem er den Menschen erfahren lässt, dass sich das Göttliche ihm beigesellt, dass sich das Geheimnis ihm zur Seite gestellt hat, dass es an seiner Menschlichkeit Anteil nimmt.
Diese Antwort ist für den Menschen in seiner Heilsbedürftigkeit ebenso unfassbar wie unvorhersehbar. Deshalb ist man für sie in dem Maße empfänglich, wie man sich seiner eigenen Begrenztheit (seiner Hinfälligkeit, seines Irrtums, seines Ungenügens) bewusst ist. Eine Aussage von Reinhold Niebuhr scheint mir in diesem Zusammenhang erhellend: «Nichts ist so unglaubwürdig wie die Antwort auf eine Frage, die sich nicht stellt.» Nichts hindert uns stärker daran, Christus anzuerkennen, als das mangelnde Bewusstsein unserer Bedürftigkeit als Mensch. Nichts hält uns so sehr davon ab, Christus anzuerkennen, wie zu verkennen, dass wir als Menschen ganz Frage sind.
Wie ist das, was vor 2000 Jahren geschah, heute gegenwärtig, hier und jetzt? Jeder von uns kennt die Antwort mehr oder weniger gut: Durch die Kirche, die der Leib Christi ist und in der Er gleichsam seine Vollgestalt findet, wie es der heilige Paulus in seinem Brief an die Epheser ausdrückt (vgl. Eph 1,22-23).
In der Kirche ist Christus gegenwärtig. In einer für mich unvergesslichen Ansprache hat der Heilige Vater dies in Erinnerung gerufen: «Was dem Leib der Kirche institutionelle Gestalt und Strahlkraft verleiht und ihn zu einem Hort der Einheit macht, das entspringt der Dynamik der sakramentalen Gnade.» (Johannes Paul II. , Ansprache an Priester von Comunione e Liberazione anlässlich geistlicher Exerzitien in Castel Gandolfo, 12. September 1985). Das bedeutet: Der Leib der Kirche nimmt durch das Wirken des Heiligen Geistes Gestalt an und durch ihn ist Christus hier und heute unter uns gegenwärtig - Dominum et vivificantem.

Wie aber ereignet sich Kirche, wenn sie auf mich trifft, wenn sie mit der einzelnen Person in Beziehung tritt? Welchen Einfluss hat das auf die Kirche, was für ein Zusammenhang besteht hier? Die Antwort des Papstes lautet: Der Leib der Kirche nimmt durch das Wirken des Heiligen Geistes Gestalt an und Christus ist durch ihn hier und heute gegenwärtig. Es ist jenes Wirken des Heiligen Geistes, das in der Taufe seinen Ausgang nimmt, und «vermittels der verschiedenen Charismen, die das Temperament einer bestimmten Person und ihre persönliche Geschichte kennzeichnen, Wirksamkeit erlangt und konkrete, zeitgeschichtliche Prägekraft erhält» (Ebd.).
Der Papst verwendet das Wort Charisma, um die Art und Weise zu bezeichnen, in der die Kirche innerhalb eines bestimmten und konkreten Zeitabschnitts Gestalt annimmt. Die Gestalt, die sie gewinnt, macht die Verortung innerhalb eines bestimmten, konkreten Zeitabschnitts erforderlich. Solange man das nicht mit berücksichtigt bleibt sie abstrakt. Ihre konkrete geschichtliche Prägekraft erlangt die Kirche durch die verschiedenen Charismen, die Kennzeichen eines Temperamentes und einer persönlichen Geschichte sind. Das Wort “Charisma” hat ja dieselbe Wurzel wie das griechische Wort für Gnade “charis”, und bezeichnet die Energie, mit der das Wirken des Geistes den Jünger Christi neu schafft. Wenn die Kirche einfach von meinem Temperament und meiner Geschichte absähe, also an ihnen vorüberginge, bliebe sie abstrakt.
Der Papst fährt in der zitierten Ansprache fort: «Die Gnadengaben des Geistes haben stets die Eigenschaft, die Bildung von Geistesverwandtschaften zu begünstigen, um so einem jeden die Unterstützung zukommen zu lassen, die er braucht, um die ihm zukommende, objektive Aufgabe in der Kirche zu erfüllen» (Ebd.). Durch diese Geistesverwandtschaften entsteht Gemeinschaft: «Die Ausbildung solcher Gemeinschaft ist universales Gesetz. In ihr zu leben, gehört zum Gehorsam gegenüber dem großen Geheimnis des Heiligen Geistes» (Ebd.).
Worin besteht dieser Gehorsam gegenüber dem großen Geheimnis des Geistes? Allein in einem: «im Glauben an Jesus Christus». Christus wird hier und jetzt gegenwärtig durch ein Charisma, das dem jeweiligen Temperament einer Person, ihrer Persönlichkeit, ihrer spezifischen Sensibilität und ihrer persönlichen Geschichte angemessen Platz einräumt und so zur Ausbildung einer Geistesverwandtschaft führt, die Gemeinschaft schafft. Dieser Gemeinschaft zu folgen, ist der Gehorsam gegenüber dem großen Geheimnis des Heiligen Geistes. Es heißt, Christus aufzusuchen!

Stellen wir uns eine Pfarrei vor: 3000 Einwohner, ein einziger Priester. Sonntag für Sonntag auf der Kanzel setzt er sich ein und lässt die Gläubigen dennoch kalt. Der Glaube im Dorf ist lau. Man geht nur noch wegen irgendwelcher überlebter Erinnerungen zur Kirche. Einige wenige treibt eine persönliche Frömmigkeit an. Der Priester ist keine packende Persönlichkeit: Irgendwann wird er versetzt oder befördert. Ein anderer Priester kommt. Er hatte bereits eine gewisse Stellung erreicht, wurde jedoch wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem Ordinariat in jenes Dorf geschickt. An seinem ersten Sonntag ergreift er in der Pfarrkirche das Wort und fünf der fünfhundert Anwesenden fühlen sich angesprochen, sind bewegt und verspüren den Wunsch, sich wieder mit Kirche und Glauben auseinanderzusetzen. Nehmen wir nun an, dass diese fünf Personen zum Pfarrer gehen und jede ihm auf ihre Art sagt: «Hören Sie, Ihre Predigt am Sonntag hat mich berührt. Mir wurde klar, dass der Glaube mein Leben angeht, und ich möchte, dass mein Leben etwas mit dem Glauben zu tun hat.» Daraufhin wird der Pfarrer, zumal es in dem Dorf nichts Vergleichbares gibt, sagen: «Treffen wir uns doch und bilden einen kleinen Pastoralrat.» In diesem Pastoralrat wird er sich dann in erster Linie um diese fünf Personen kümmern und wird mit ihnen zusammen die Probleme der Pfarrgemeinde angehen. Da zwei der fünf Personen miteinander verheiratet und darüber hinaus auch wohlhabend sind (denn er ist Arzt und sie Professorin), macht man sich sogleich daran, in dem Dorf etwas aufzubauen, sagen wir: eine Arztpraxis für die Armen oder eine Nachmittagsbetreuung für die Kinder. Dann bezieht man weitere Familien ein. Einige Monate später hat sich das Gesicht der Pfarrei grundlegend gewandelt: Man nimmt intensiv am Leben der Kirche teil, die Gläubigen sind untereinander und mit ihrem Pfarrer vertraut, die Leute strahlen Hoffnung aus, man spürt ihr Interesse, den Glauben und die Lehre der Kirche besser kennen zu lernen - was zuvor einfach nicht der Fall war. Denn der Priester, der in das Dorf kam, hat Persönlichkeit. Er hat ein Gespür, ein Temperament und eine persönliche Lebensgeschichte, die die Leute bewegt und Bewegung in die Pfarrei bringt. Was entstanden ist, ist eine “Bewegung”. Bei dem Vorgänger war das nicht passiert. Nicht weil es seine Schuld wäre, sondern weil der Heilige Geist es ist, der die Zeit und den Ort bestimmt. Mit dem neuen Pfarrer wurde ein Charisma wirksam. Das Charisma erweist sich somit als geschichtliche Prägekraft.

Ohne die Bewegung, die ich zu beschreiben versucht habe, bleibt eine Pfarrei leblos und reine Institution. Meinen Freunden habe ich oft die Geschichte von meiner Mutter und von Don Amedeo erzählt, der Kaplan in unserer Pfarrei von Desio bei Mailand war. Dieser Priester brachte durch sein Wirken im Beichtstuhl und durch seine Arbeit mit der Frauengemeinschaft gut hundert Frauen zusammen, die alle aus christlichen Familien stammten und der Pfarrei verbunden waren. Sie alle gehörten den „Töchtern Mariens“ an. Wann immer in der Pfarrei Bedarf bestand, waren sie zur Stelle. Um fünf Uhr in der Frühe kamen sie zur heiligen Messe und eilten zu helfen, wann immer man sie brauchte. Sie waren allen im Dorf bekannt. Aus dem Beichtstuhl heraus hat dieser Priester eine Bewegung ins Leben gerufen, eine Bewegung in der Pfarrei und im Dorf. Hätte er hunderttausend Frauen zusammengebracht, dann hätte auch der Corriere della Sera davon Notiz genommen! Don Amedeo, der lediglich als Kaplan in meiner großen Heimatpfarrei tätig war, hat vor 60 Jahren aus dem Beichtstuhl heraus eine Unzahl junger Menschen zu großer christlicher Reife geführt. Und diese jungen Menschen gründeten durch und durch christlich geprägte Familien, waren stets bereit, sich der Nöte der Pfarrei anzunehmen.

Ich will damit betonen, dass sich Christus, der hier und heute in der Wirklichkeit der Kirche gegenwärtig ist, ganz und gar an Personen bindet, wenn er sich Ausdruck verschafft, wenn er wirbt und wirkt, etwas aufbaut und ein Volk hervorbringt.
Mit dem Wort “Bewegung” hat der Papst nach meinem Dafürhalten eine fundamentale ekklesiologische Kategorie eingeführt, um die Dynamik der Seelsorge zu beschreiben.
Wenn das Wort “Bewegung” fällt, dann betrifft es mich nicht aus dem Grund, weil ich selbst einer kirchlich anerkannten Bewegung angehöre, sondern weil es die grundlegende Dynamik bezeichnet, wie der Glaube von je her und über die ganze Geschichte der Kirche hinweg überzeugend, pädagogisch wirksam und konstruktiv wirkt und das Leben verändert. Der heilige Paulus bezeugt dies, wenn er in einem seiner Briefe etwa Aquila und Priscilla erwähnt. Der Heilige Geist ist auf Personen herabgekommen, die sich, je nach Temperament und persönlicher Lebensgeschichte, gerade in einem bestimmten Hause aufhielten. Wenn wir nicht begreifen, dass hier der Ursprung einer Bewegung liegt, dann werden wir auch nicht erkennen können, wie die Institutionen, die sich in unserer Hand befinden (Pfarrei, Vereinigung, Gruppe), mit Leben erfüllt werden können. Schlimmer noch: Wir laufen Gefahr, anmaßend, wenn nicht gar überdrüssig und zynisch zu werden und die Hoffnung zu verlieren. Wenn ich als Pfarrer Leuten begegne, die mir sagen «Wir wollen mitarbeiten» und in ihnen eine lebendige Begeisterung für etwas wahrnehme, das sie berührt hat (es mag die Begegnung mit einer Bewegung sein), dann muss es mein erstes Bestreben sein, dass sie sich darum bemühen, das zu vertiefen, was sie angesprochen und ihre Erfahrung aufgerüttelt hat. Denn wenn es etwas gibt, wovon die Pfarrei profitieren kann, dann sind es solche Begegnungen, die Pfarreimitglieder persönlich erfahren.

Alles, was in der Kirche geschieht, zielt darauf ab, Christus verbunden sein zu können, um seinen Sieg in der Welt gegenwärtig werden zu lassen und um so gleichsam das Ende der Welt vorwegzunehmen.
Diese Aussage verdeutlicht in existenzieller Hinsicht den Gehalt der kirchlichen Lehre, den lebendigen Gegenstand des Glaubens und seine Verortung im Leben. Wie es der Heilige Paulus an manchen Stellen gesagt hat: Ob wir nun essen oder trinken, wachen oder schlafen, leben oder sterben – wir gehören Ihm. Das heißt: Was immer wir tun, es geschieht, damit die Welt immer mehr das Wunder eines Glaubenszeugnisses erlebt und von ihm ergriffen wird, damit die Welt Ihn immer mehr anerkennt: Das ist die Mission. Warum Christus gekommen ist, das hat er selbst im 17. Kapitel des Johannesevangeliums gesagt :«Ich bin gekommen, damit sie das ewige Leben haben, das heißt: Dich, den einzig wahren Gott erkennen und den, den Du gesandt hast, Christus Jesus» (vgl. Joh 17,3-4).
Der Glaube ist uns zum Zwecke der Mission gegeben. Und die Mission bezieht sich nicht auf das Jenseits, sondern auf das Diesseits. Sie betrifft unsere Beziehung zur Welt, der wir zuerst in uns selbst gewahr werden. Sie beginnt mit dem Staunen darüber, dass wir uns als lebendige Geschöpfe erfahren.
Eine Pfarrei wird in dem Maße lebendig, wie es in ihr Pfarrer und Gläubige gibt, die in all ihrem Tun und Wollen, in ihrem ganzen Selbstbewusstsein von der Überraschung angesichts des Ereignisses Christi geprägt sind, dem sie begegnet sind und den sie anerkennen, und die das göttliche Geheimnis und die Bestimmung ihrer Mitmenschen leidenschaftlich lieben.

Das Wort “Bewegung” beschreibt somit die existenziell-geschichtliche Art und Weise, in der die Kirche lebendig wird. Ein Priester, dem eine Pfarrei anvertraut ist oder der eine Gemeinschaft einer Bewegung leitet und der nicht den Heiligen Geist anruft und sich nicht dafür einsetzt, dass etwas von der Art einer “Bewegung” entsteht, verwandelt die Kirche in ein Grab. Von seiner Pfarrei wird nicht mehr bleiben als die Verwaltungsbüros, und die Gemeinde wird sich auf einen Verein reduzieren, der nur in psychologischer oder soziologischer Hinsicht Wert hat.
Wenn eine Pfarrei lebendig ist, ist sie Bewegung, so wie es Johannes Paul II. gesagt hat: «Die Kirche selbst ist “eine Bewegung”» (Ansprache an die Teilnehmer des Kongresses “Bewegungen in der Kirche”, Castel Gandolfo, 27. September 1981). Das Thema Bewegung kann daher keinesfalls alternativ zur Institution verstanden werden. Es verweist lediglich auf die Art und Weise, in der die Institution mit Leben und missionarischem Geist erfüllt wird. Denn der Glaube ist uns nicht gegeben, um ihn zu verwalten, sondern um ihn weiterzugeben. Man bewahrt nur, wenn man die Leidenschaft hat, ihn weiterzugeben.

 

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